Bück Dich, hier kommt die Kunst

Bück Dich, hier kommt die Kunst

Henry Rollins: Eye Scream Henry Rollins dürfte den meisten als Crossover-Musiker bekannt sein. Dabei sind seine literarischen Werke nicht weniger beachtenswert, als seine musikalischen. Eye Screem ist ein Buch, welches aus eine Reihe kurzer Sequenzen besteht und ohne Frage von einer ganz unglaublichen Intensität ist. Ich empfinde bei Rollins eine große Nähe zur Beat-Generation. Seine klare, direkte und manchmal brutale Sprache schaffen eine Einheit mit dem Beschriebenen. Nie wirkt die Sprache künstlich, unpassend oder aufgesetzt. Eye Screem liest sich schnell, trotz seiner gewichtigen Inhalte. Es liest sich schnell, weil es einem nichts vormacht. Es ist, bei aller Strapaziertheit des Wortes, authentisch. Ein solches Erlebnis von anderer Sprache jenseits der bildungstümelnden, hatte ich zuletzt, als ich mit sechzehn oder siebzehn das erste Mal ein Buch von Bukowski in den Händen hielt: Kraftvoll, boshaft, liebend, zerstörend und zerstört - alles zu gleich.…

Sexunddreißig Klassiker

Sexunddreißig Klassiker

Klassiker der Sexualwissenschaft Der Kulturwissenschaftler und freie Publizist Pascal Pfitzenmaier hat für das Projekt Gutenberg unter wissenschaftlicher Beratung von PD Dr. med. Peer Briken eine Zusammenstellung von 36 Klassikern der Sexualwissenschaft erstellt und minimal editiert. Eine sehr löbliche Angelegenheit, da viele Titel in den gängigen Bibliotheken häufig mit dem Vermerk „Kriegsverlust möglich“ im jeweiligen Katalog auftauchen.  Ausgehend von der 1886 erstmals publizierten „Psychopathia Sexualis“ über Alfred Adlers „Das Problem der Homosexualität“ bis hin zu van Veldes „Triologie über das eheliche Glück“ reicht die Sammlung, die er in vier Bereiche: Anfänge der Sexualwissenschaft, Entfaltung der Sexualwissenschaft, Sexualität und Fremde sowie Ehe- und Sexualratgeber – einteilt. Neben den Faksimiles der Texte finden sich kurze Inhaltsangaben und eine sehr oberflächliche Einleitung in die Thematik auf der DVD. So wichtig und löblich das Projekt ist, so schnell stößt es aber auch an seine Grenzen. Das auf den ersten Blick so umfangreich erscheinende Archiv zeigt für den Kenner bereits nach kurzem Betrachten erhebliche Lücken – z.B. fehlt Iwan Blochs Studie über das Sexualleben der Engländer u.a. relevante Texte.…

Der Beginn einer Epoche

Der Beginn einer Epoche

Die Situationistische Internationale Der libertäre Hamburger Verlag hat bereits in den Anfangsjahren seines Bestehens sich durch die Herausgabe der Texte der Situationisten Internationale bemüht und nun in einer Sonderausgabe anläßlich des 40. Jahrestages des Pariser Mais von 1968 eine Auswahl der Texte noch einmal aufgelegt, die zwischen 1958 und 1969 publiziert worden, und die Übersetzungen leicht überarbeitet haben. Es handelt sich um Texte aus den zwei Episoden des Bestehens jener Gruppe, die wie die englische Tageszeitung Times schrieb, „die erste revolutionäre Bewegung des Massenmedien-Zeitalters war“, - sowohl aus der ersten Episode, in der sich die Situationisten vorrangig als eine kultur- und künstlerisch-revolutionäre Bewegung (z.B. mit ihrer Kritik des Urbanismus) verstanden hat, und der politisierten Phase, in der die Gruppe sich u.a. über den 6 Tage-Krieg und den Algerienkrieg äußerte.…

Erzähl allen, allen von mir

Erzähl allen, allen von mir

Das schöne kurze Leben der Libertas Schulze-Boysen Silke Kettelhake hat, legt man literarische Kriterien an, ein gutes Buch geschrieben. Die gelernte Journalistin hat sich mit diesem Buch über Libertas Schulze-Boysen an ein Thema gewagt, welches über die Person im Fokus des Werkes hinausragt und sie hat es hinsichtlich des schriftstellerischen Wertes ordentlich gemacht. Und dennoch: Das Buch verharrt in einer, ganz unerklärlichen, unpolitischen Position. Es scheint der postmoderne Versuch zu sein, sich politischen Entscheidungen, die ja immerhin auch die Entscheidungen über den eigenen Tod waren, zu nähern ohne die Determinanten über das bloße individuelle Empfinden hinaus auch zu benennen. Streckenweise erinnerte mich das Buch an die Gespräche, die an den Kaffeetafeln meiner Großeltern und meiner Mutter über die "schwere Zeit" geführt wurden. Anekdoten und Kolportagen - ohne Zustandsberichte. Das ist schade, denn die Akkribie, die Silke Kettelhake auf dieses Buch verwendet hat (es gibt viele Briefe, Fotos und Lebensdaten), hätte es vermocht, auch den Zustand Deutschlands unter der faschistischen Regierung so zu beleuchten, dass seine Schilderung eben nicht individualisierend wirkt. Und mit ihrem Gefühl für die Sprache, wäre es allemal gelungen, ohne kalt und pädagogisch zu werden.…

Die großen Streiks

Die großen Streiks

Episoden aus dem Klassenkampf Die Kampfform des Streiks hat auch in Deutschland in den vergangenen Jahren wieder eine Renaissance erlebt. Sowohl DGB-Gewerkschaften als auch kleinere Gewerkschaften wie Cockpit haben mehr oder weniger erfolgreich ihre Lohnforderungen mit dieser Form der Auseinandersetzung unterstrichen. Auch der Buchmarkt hat diese Renaissance des Themas gewürdigt – beginnend mit Michael Kittners Studie „Arbeitskampf. Geschichte – Recht – Gegenwart“ über Streiks in Deutschland bis hin zu der Arbeit von Peter Birke über „Wilde Streiks im Wirtschaftswunder: Arbeitskämpfe, Gewerkschaften und soziale Bewegungen in der Bundesrepublik und Dänemark“. Dennoch deckt gerade der von Holger Marcks und Matthias Seiffert herausgegebene Sammelband noch eine Lücke ab. Es geht, wie sie es im Vorwort formulieren, um eine Schilderung von großen Streiks als historische Ereignisse. Sie haben sich dabei auf elf, exemplarische Streiks im 20. Jahrhundert fokussiert. Diese werden in lebendiger Form als Streik an sich dargestellt und mit einem historischen Abriß der Geschichte der Arbeitskämpfe im jeweiligen Land und der Biographie eines wesentlich am Streik beteiligten Gewerkschaftlers (Frauen kommen diesbezüglich leider zu kurz!) kontextualisiert.…

Erinnerungen

Erinnerungen

Neuere Publikationen zum Spanischen Bürgerkrieg & der sozialen Revolution Walther L. Bernecker / Sören Brinkmann: Kampf der Erinnerungen. Der Spanische Bürgerkrieg in Politik und Gesellschaft 1936-2006, Verlag Graswurzelrevolution Neckersheim 2006, Preis: 20,50 EUR,  378 S., ISBN: 978-3-939045-02-0. Sören Brinkmann: Katalonien und der Spanische Bürgerkrieg, edition tranvía, Berlin 2007, Preis: 17,80, 160 S., ISBN: 978-3-938944-12-7. Arthur Lehning: Spanisches Tagebuch & Anmerkungen zur Revolution in Spanien, edition tranvía, Berlin 2007, Preis: 18,00 Euro, 196 S., ISBN: 978-3-938944-04-2. Heiko Schmidt (Hrsg.): Die Freiheit fällt nicht vom Himmel. Fundstücke aus dem Spanischen Bürgerkrieg, Preis: 15 Euro, 192 S., ISBN: 978-3-00-024106-2. Unter dem Titel „Kampf der Erinnerungen“ nähern sich Walther L. Bernecker und Sören Brinkmann dem Spanischen Bürgerkrieg und der mit ihm verbundenen Erinnerungspolitik. Walther L. Bernecker gilt nicht umsonst als eine Koryphäe auf dem Gebiet der deutschsprachigen Forschung zum spanischen Bürgerkrieg. In seinem Teil in „Kampf der Erinnerung“ thematisiert er die unterschiedlichen Facetten des Bürgerkrieges und der Revolution in kenntnisreicher und pointierter Weise.…

Michel in der Antike

Michel in der Antike

Anja Trebbin: Michel Foucaults Weg in die Antike Anja Trebbin ist in ihrer Arbeit „Michel Foucaults Weg in die Antike“ – einer überarbeiteten Fassung ihrer als Magisterarbeit am Fachbereich Philosophie eingereichten Analyse  – der Frage nach Kontinuität und Bruch im Werke des französischen Philosophen Michel Foucault (1926-1984) nachgegangen. Ihr Fokus liegt dabei auf dem Zeitraum zwischen der Veröffentlichung von „Wille zum Wissen“ (1976) und dem Nachfolgeband „Der Gebrauch der Lüste“ (1983), die in ihrer Konzeption und Thematik häufig als ein Bruch im Denken Foucaults gedeutet werden, obwohl sie ursprünglich beide als Teil einer sechbändigen Reihe unter der Überschrift „Sexualität und Wahrheit“ geplant waren. Die konkrete Bruchstelle ist die Fokussierung der beiden Bände; es war die ursprüngliche These Foucaults, daß das Subjekt durch die äußere Macht und den Diskurs konstituiert wird, während er im zweiten Band auf die Techniken der Selbstdisziplinierung setzt und analysiert, die er anhand von Beispielen aus der römisch-hellenistischen Antike belegt.…

Chaos

Chaos

Rock’n’Roll aus der Kommune Der Versuch, Subkulturen in Romanen adäquat abzubilden bzw. sie in einen Roman gekonnt einzubinden, ist in den meisten Fällen zum Scheitern verurteilt. Entweder ist der / dieAutorIn selber durch seine Zugehörigkeit zu dieser oder jener Subkultur zu tief in der Materie drin oder die Betrachtung entblößt sehr schnell die Unkenntnisse. Eine weitere Kategorie von Romanen umschifft diesen Problemkontext, indem bewußt mit Klischees gespielt wird. Zu dieser Kategorie gehört auch der Debütroman „Chaos“ von der englischen Schauspielerin und Regisseurin Claire Dowie. Den Rahmen für ihren Roman bildet eine wilde 70er Jahre Hippiekommune, in der sich das Leben um Biogemüse, (pseudo)freie Liebe und Drogenkonsum dreht. In dieser Kommune wächst ihr Protagonist „Chaos“ auf, der mit seiner Band zum Weltstar aufsteigt und tragisch bei einem Autounfall ums Leben kommt. Ein Plot aus dem sich etwas machen liesse, den aber Claire Dowie leider verschenkt.…

Das Bildungsprivileg

Das Bildungsprivileg

Das Bildungsprivileg - Warum Chancengleichheit unerwünscht ist Bruno Preisendörfer   Bruno Preisendörfer hat dem "Das Bildungsprivileg" ein Buch geschrieben, welches nicht nur auf die Schreibtische der Bildungspolitiker, sondern auch in die Hände, der von ihnen Betroffenen gehört: Den Schülern, Eltern, Lehrern. Der Band, dessen Preis von 16,95 Euro eine gut angelegte Investition ist, ist faktenreich und in hohem Maße fundiert. Dabei ist das Buch nicht trocken geschrieben. Durch den persönlichen Bezug - Preisendörfer ist, wie ich auch 1957 geboren -, zur Entwicklung von Bildung und Schule in der BRD, den der Autor nicht zu oft und nicht zu selten bildet, liest sich "Das Bildungsprivileg" ohne Langeweile.…

Herr Lehmann

Herr Lehmann

Herr Lehmann goes Ear Eine schöne Hör-CD vom Hörverlag von Leander Sukov  Herrn Lehmann brauche ich nicht vorzustellen. Das Buch war auf den Bestseller-Listen. Nur zur Erinnung: In Kreuzberg altert Herr Lehmann auf seinen dreißigsten Geburtstag zu. Lehmann ist aus Bremen und ganz Kreuzberg ist voll mit Schwaben und Menschen aus anderen, nicht berlinerischen Regionen. Der Dreißigste ist fatal für Lehmann, der gar nicht "runden" will und im Kreis seiner Freunde geschehen verwirrende Dinge, die non-chalant erzählt werden. Das Buch hatte sich einen Platz auf den Bestseller-Listen verdient. Die Hör-CD tut es auch.…

Rudi und Ulrike

Rudi und Ulrike

Dem Götz das Ärschle zeigen Jutta Ditfurth: Rudi und Ulrike Jutta Ditfurth hat ein notwendiges und wichtiges Buch geschreiben; eines, welches ich ausgesprochen gerne empfehle. Und zwar all jenen Vertretern des Anti-68ger-Revisionismus' ebenso, wie denen unter uns, die sich – wie ich – die Platze ärgern über Geschichtsklitterung und Oberflächlichkeit.Ditfurth schreibt fundiert. Was sie schreibt, belegt sie. Und dieses Buch, welches sich vordergründig um die Freundschaft zwischen Rudi Dutschke und Ulrike Meinhof dreht, eröffnet den Blick in eine BRD- und Westberlin-Wirklichkeit, die mit ihren postfaschistischen Erscheinungsformen ins Vergessen geschrieben werden soll, von einer adenauernden Mischpoke von rückwärtsgewandten Wendehälsen, die den Kohl noch einmal aufmerkeln wollen, den wir gottlob zwar noch als Erscheinungsform gegenwärtiger Politik und Moral am Hals haben, aber wenigstens nicht mehr auf dem Sessel der ausführenden Macht.…

Schwule Nazis

Schwule Nazis

Schwule Nazis Ein widersprüchliches Thema In seinem ersten Buch versucht der Autor Markus Bernhardt das Verhältnis zwischen Neofaschismus und männlicher Homosexualität darzustellen und zu dokumentieren. Ein widersprüchliches wie auch heikles Thema. Schwule waren und sind Opfer, sie gehören zu den Opfergruppen des Faschismus und von Neofaschisten. Aber sie sind es nicht nur. Sowohl im historischen deutschen Faschismus, Stichwort Ernst Röhm, als auch in der gegenwärtigen Neonazi-Szene finden sich aktive Schwule, und der Hang zum Fetisch "NS-Symbole" innerhalb von Teilen der schwulen Szene scheint nicht immer "nur" sexuell motiviert zu sein. Das alles findet nicht im luftleeren Raum statt. Auch innerhalb der schwulen Szene, insbesondere bei Medien und Verbandsfunktionären, ist nach der Phase der Entpolitisierung nunmehr ein verstärkter Rechtsruck zu beobachten, rassistische Vorurteile und Minderheitenfeindlichkeit sind auch hier zu finden.…

Maurice Blanchot

Maurice Blanchot

Maurice Blanchot: Die uneingestandene Gemeinschaft. Mit einem Nachwort von Gerd Bergfleth In Deutschland ist der französische Literat und Philosoph Maurice Blanchot (1907-2003) bislang kaum außerhalb des akademischen Kontextes rezepiert worden. In Frankreich zählt er zu den größten Denkern des Landes, dessen Einfluß auf Denker wie Jean-Luc Nancy, Michel Foucault, Jacques Derrida und Gilles Deleuze maßgeblich war. Die vorliegende Schrift „Die uneingestandene Gemeinschaft“ ist erstmals 1983 in Frankreich erschienen und liegt nun auch endlich in deutscher Sprache vor. Sein Essay gliedert sich in zwei Teile  - „Die negative Gemeinschaft“ und „Die Gemeinschaft der Liebenden“. Der erste Teil seiner Arbeit bezieht sich auf Jean-Luc Nancys „Die undarstellbare Gemeinschaft“ (Edition Patricia Schwarz Stuttgart 1988) – und der zweite Teil bezieht sich auf Marguerite Duras‘ „Die Krankheit Tod“ (Fischer Verlag, Frankfurt / M. 1985).…

In Leder gebunden

In Leder gebunden

In Leder gebunden "SM in der Weltliteratur" Großspurig erklärt Arne Hoffmann in seiner Studie „In Leder gebunden. SM in der Weltliteratur“ als Ziel der Arbeit einen Baustein für eine sadomasochistische Literaturtheorie – äquivalent zu einer homosexuellen – beisteuern zu wollen. Leider bleibt es bei der hochtrabenden Willensbekundung, da der Rest seine Studie sich weitestgehend als eine Zusammenstellung von Textauszügen vom Minnesang des Mittelalters bis modernen SM-Romanen handelt, auf die er durch zwei literaturwissenschaftliche Aufsätze gestossen ist und die er auch nur sehr oberflächlich kommentiert – statt sie zu analysieren. Neben den klassischen Autoren des Metiers wie Marquis de Sade und Sacher-Masoch finden sich so z.B. Frank Wedekind und Franz Kafka.…