Zwei hochbegabte Frauen im Gespräch

Zwei hochbegabte Frauen im Gespräch

Çiğdem Gül rief vor einiger Zeit die Website Interkulturelles Netzwerk für Hochbegabte ins Leben. Franzika Dittrich stellte eine ganz ähnliche Seite ins Netz. In einem Interview für Highly Gifted spürt Franzika Dittrich dem Leben von Çiğdem Gül nach. Der Link zum gesamten Interview befindet sich am Ende dieser Einspiegelung.

 

Franziska: Liebe Çiğdem, ich freue mich sehr, Dich heute für den HIGHLY GIFTED Blog interviewen zu dürfen. Vielleicht erzählst Du meinen Leserinnen und Lesern zu Beginn erst einmal etwas über Dich. Welchen Bezug hast Du zum Thema Hochbegabung?

Çiğdem: Liebe Franziska, merci!

Ich bin ein Arbeiterkind. Ein Gastarbeiterkind. Und mittlerweile seit über 40 Jahren eine Migrantin in Deutschland. Ich habe mich seit einigen Jahren öffentlich als ein anatolisches Gesicht für Hochbegabung in Deutschland und im Ausland zu erkennen gegeben. Seitdem ist sowohl die deutsche Welt als auch die türkische Welt völlig irritiert und in Aufruhr. (lacht). So viel Action muss sein!…;-)

Scherz beiseite:

Es ist in Deutschland sicherlich sehr gewöhnungsbedürftig, dass unter den gerne defizitär betrachteten Migranten ausgerechnet eine türkischstämmige Frau wagt, zu den etablierten Netzwerken für Hochbegabte und Höchstbegabte wie z. B. Mensa International, Mensa in Deutschland e. V. (MinD), MinD- Hochschul-Netzwerk (MHN), Triple Nine Society (TNS) etc., ein eigenes mehrsprachiges  Interkulturelles Netzwerk für Hochbegabte zu gründen und dieses im Netz auch der Weltöffentlichkeit zur Verfügung zu stellen.

Ich komme aus einem anderen Land und aus einer anderen Kultur, die mir sehr gut getan haben. Mit einem ruhigen Blick schaue ich als Erwachsene auf meine Kindheit und erste Sozialisation in einem kleinen Dorf in Anatolien zurück und fühle, dass ich dort das Glück hatte, trotz fehlender Infrastruktur, hoher Rate an Kindersterblichkeit, nicht erkannter Hochbegabung und kaum vorhandener Zivilisation sehr glücklich und auch bis heute unbeschadet zu sein. Ich habe persische Wurzeln. Meine Vorfahren stammen aus Chorasan. Das ist eine historische Region in Zentralasien zwischen Nordost-Iran und Nordwest-Afghanistan im Gebiet der heutigen Staaten Iran, Turkmenistan, Afghanistan, Usbekistan und Tadschkistan.

Mit den Begriffen von heute, möchte ich als Rückschau mein Leben von damals beschreiben:
Ich bin Jahrgang 1971, geboren in einem kleinen Dorf in Kelkit-Gümüşhane/Türkei und das dritte Kind von acht Kindern, darunter zwei als Säugling vorverstorbene Brüder. Mein richtiges Geburtsdatum weiß niemand, auch nicht meine Eltern. Mein Geburtsjahr soll analog zum offiziellen Geburtsjahr 1971 plus-minus um ein Jahr schwanken. Wenn ich in der Vergangenheit meine Mutter nach meinem wahren Geburtstag befragte, antwortete sie: „Es war ein sonniger Tag. Die Ernte war reif….“ Auf den Bergen Anatoliens und folglich in dem abgelegenen Dörfern herrschte ein anderes Zeitgefühl. Man orientierte sich nach der Sonne, Natur und nach Jahreszeiten In meinem Herkunftsort fehlte damals die Infrastruktur, daher wurden noch-nicht-Gezeugte, Ungeborene,  Neugeborene und/ oder ältere Kinder erst dann beim nächstgelegenen Standesamt registriert, wenn jemand die Möglichkeit hatte, endlich ein adäquates Fahrzeug zu finden, um in die Stadt zu fahren. Sicherlich hätten die Menschen in Anatolien und sonst wo auf der Welt damals und heute bei vergleichbarer Infrastruktur, Wohlstand, Wahlmöglichkeiten und Bildung wie in Deutschland ganz anders gehandelt als zuvor beschrieben. Da ich Kelkit-Gümüşhane nie gesehen habe, empfinde ich als meinen Geburtsort die Nachbarstadt „Erzincan“.

In meinem Herkunftsdorf auf den Bergen Anatoliens gab es damals keine Geschäfte, keinen Strom, kein Telefon, kein Fernsehgerät, keine Bibliothek, keinen Esstisch auf vier Beinen, keine Heizung, kein Waschbecken, kein Warmwasser, kaum Infrastruktur, kaum Zugang zur Außenwelt… Trotzdem fehlte es mir an nichts… Ich bin stolz, sehr stolz, dass ich den unbezahlbaren Luxus hatte, auch ein Leben fernab von jeglicher Zivilisation erfahren zu haben.

Meine erste Sozialisation in Anatolien prägte mich dahingehend sehr positiv, dass ich als kleines Kind sehr im Einklang mit der Natur lebte.

Zum vollständigen Interview

Alle Fotos: © Çiğdem Gül