Anarchosyndikalistische Lokalgeschichte

Als „Idealbild eines politischen Arbeiters“ sah einst der berühmte deutsche Anarchosyndikalist Rodolf Rocker seinen Freund und Mitstreiter Wilhelm Wehner (1885-1968). Dieser wurde 1885 in Schweinfurth geboren und trat bereits im Alter von 17 Jahren dem dortigen Ortsverband der Sozialdemokratischen Partei bei. Drei Jahre später wurde er bereits aktenkundig wegen der Verbreitung anarchistischer Propaganda. Er bewegte sich in der anarchokommunistischen Föderation Kommunistischer Anarchisten Deutschland (FAKD) sowie im Sozialistischen Bund, den Gustav Landauer ins Leben gerufen hatte. Seinen Idealen getreu beteiligte er sich aktiv am Bierstreik in Bayern im Jahr 1910, verweigerte während des 1. Weltkrieges den Kriegsdienst und brachte sich danach in der kurzlebigen Räterpublik sowie in der neugegründeten Freien Arbeiter Union Deutschland (FAUD) ein. Nach der Machtübergreifung der Nationalsozialisten vergrub er seine Bibliotheken und hielt weiterhin losen Kontakt mit Genossen wie z.B. dem Anarchosyndikalisten Fritz Kater. Nach der Zeit des Hitlerfaschismus und dem zweiten Weltkrieg nam er wieder seine Aktivität auf. Wie viele Anarchist_innen nach 1945 – und wie auch von Rudolf Rocker in seiner berühmten Broschüre über „Die Lage in Deutschland“ – reflektiert, brachte er sich nicht nur in eigenständigen anarchistischen Organisationen wie der Föderation Freiheitlicher Sozialisten (FFS) ein, sondern mischt bei anderen gesellschaftlichen Akteuren mit – sei es in der freireligiösen Gemeine, den Naturfreunden oder in der kurz nach dem Krieg zugelassenen Gewerkschaft IG Metall.

Dieses interessante und aktivistische Leben eines Anarchosyndikalisten hat die Initiative gegen das Vergessen Schweinfurt wunderbar aufgearbeitet – und in den jeweiligen historischen Kontext eingeordnet. Es gibt mehrere Exkurse – u.a. auch zur Bakuninhütte in Meiningen oder den den ideengeschichtlichen Konzepten, denen er folgte.. Dank einer sehr guten Quellenlage dürfte es eine wahre Fundgrube für Historiker_innen gewesen sein – alleine der überlieferte Fotobestand von ca. .600 Stück. Gleichzeitig ist er als Repräsentant des Anarchosyndikalismus und der Arbeiterklasse – und nicht „nur“ als Individuum von Interesse sein. Die einzelnen Beiträgen bzw. Kapitel stammen aus der Feder unterschiedlichen Autor_innen – u.a. von den Historiker_innen Gisela Notz und Helge Döhring. Von besonderem Interesse dürfte auch ein hier abgedruckter Brief von Emma Goldman über einen öffentlichen Auftritt in Schweinfurt sein. Neben dem Inhalt besticht der Band auch durch die Vielzahl von Fotographien, die es sehr lebendig machen. Leseempfehlung!

Maurice Schuhmann

Initiative gegen das Vergessen Schweinfurt: Wilhelm Wehner. Anarchist, Syndikalist, Antimilitarist, Freigeist und Naturfreund, Verlag Nobert Lenhard Schweinfurt 2025, 140S., ISBN: 978-3-911812-01-6, Preis: 16 Euro.

Bestellmöglichkeit: https://www.initiative-gegen-das-vergessen.de/index.php/de/