Ein Ratschlag für den baden-württembergischen Ministerpräsidenten

Ein Ratschlag für den baden-württembergischen Ministerpräsidenten

Sehr geehrter Herr Ministerpräsident, der Badischen Zeitung von heute entnehme ich, dass Sie umfangreiche Gesetzesvorhaben und Erlasse planen, die als Reaktion auf die Gruppenvergewaltigung vor einer Freiburger Diskothek gelten sollen. Die Badische Zeitung schreibt dazu: „Die [Vorhaben] haben es durchaus in sich, wie der Entwurf von Ende 2018 zeigt, der der Badischen Zeitung vorliegt. So […]

Wie die Nacht dem Sonnentag

Wie die Nacht dem Sonnentag

Alma Deutscher hat gesagt, sie wolle „schöne Musik machen“. Das bezog sich natürlich nur auf den Klang, nicht auf den Inhalt, nicht auf die zu transportierende Nachricht. Ich will mir das zu Herzen nehmen. Dieser Tage erscheint nun endlich das Langgedicht Obszön. Das ist noch in der mir in den letzten zehn, fünfzehn Jahren passendsten […]

Das Kind des Rabbis auf dem Dachgarten

Das Kind des Rabbis auf dem Dachgarten

Zehn Meter vor mir dort wo auf dem Dachgarten die alte Mauer des Judenhofs sich in den Efeu stiehlt — ich sehs vom Bett durch die geöffnete Tür — brennt das Kind des Rabbis still schreiend lautlos vergehen Arme Rumpf und Beine im schemenhaften Brand den hier ein Ritter legte ein halb‘ Jahrtausend her ist’s […]

An Regentagen

An Regentagen

An stillen Regentagen aber warte ich am diamantbeweinten Fenster dass durch die Pfützen eilig schreitend energisch Schritt für Schritt den Abstand hin zu mir verkürzend ein neues mir ganz unbekanntes Werk verborgen unterm Mantel Mascha Kaleko zu mir eilt ich warte so an Regentagen Fenster auf das sogenannte Glück doch dehnt die Zeit sich nicht […]

Die Zeiten

Die Zeiten

Mir geht es nicht anders, als es mir immer schon ging. Ja, natürlich. Die Verschleißerscheinungen des Körpers sind nicht zu leugnen. Ich bin kein niedlicher Junge von dreizehn, sechzehn, achtzehn, zwanzig mehr. Ich habe einen Bauch bekommen und das Haar verloren. Der Bechterew hat mich ein wenig steif im Kreuz gemacht und gebogen. Aber er […]

Die Nationalstaaten gefährden die Zukunft

Die Nationalstaaten gefährden die Zukunft

Die Zukunft der Menschheit hängt davon ab, ob es gelingt, die Klimakatastrophe und die aus ihr ersprießenden Probleme zu lösen. Und die Lösung kann nicht über Vereinbarungen der 206 Staaten, Territorien und Sondergebiete erreicht werden, die zur Zeit in der UNO (196) versammelt sind oder sich als Staat begreifen. Zu vielfältig sind nicht nur die […]

Das tätowierte Gedicht

Das tätowierte Gedicht

Mein erster langfristiger Erfolg als Dichter war ein Gedicht über die Zwiebel. Die Zwiebel war meine Stammkneipe in Hamburg. Und ich glaube, kaum ein Gedicht hat einem Dichter in den Siebzigern oder Achtzigern hierzulande so lange Geld eingebracht, wie das. Ich habe keine Ahnung, wie es überhaupt dazu kam. Jedenfalls: Ich war so um die […]

HANK WAR LANGE NICHT MEHR HIER

HANK WAR LANGE NICHT MEHR HIER

das letzte was ich hörte war dass es ihm gut geht somewhere früher kam er manchmal vorbei erzählte von seiner jugend brachte linda mit berichtete von seiner beerdigung die ist ein viertel jahrhundert her hat sich gut gehalten der verstorbene sieht nicht tot aus hat viel zu tun immer neue bücher jedenfalls war er schon […]

Die Bäume fallen

Die Bäume fallen

Wie bangend nun die Bäume stehen, stahlgraue Wolken überm stillen Land, Die Buchen erheben flehend ihre Arme, entkleidet ganz, nur Holz und Rinde noch, die Wurzeln schon erfroren, am Wegesrand betrachten Männer still, die Schäferhunde an der Leine haltend, die Bäume, die entblößt zum Himmel senden, traumgeschöpft Hoffnungsrufe, lautlos kreisen schwarze Vögel über dem schwarzweißen […]

Meistersinger

Meistersinger

Auf dem Rückweg aus Bayreuth, Meistersinger, großartig, ja geradezu schön, prachtvoll, anrührend in dieser prachtvollen Grandiosität, auch in dem Bemühen, sich dem Antisemitismus Wagners zu stellen und also ihn, den Antisemitismus, zu stellen, auf dem Rückweg von dieser unerwartet angenehmen Veranstaltung, diesen angenehmen Gesprächen in den Pausen, der Nähe von Menschen, die Humanismus und Demokratie […]

Signalstörung

Signalstörung

fast ist es nacht schon. die strecke ist gelegt zwischen weizenfeldern steht der zug für eine zeit lang stille nichts dringt von außerhalb der wind nicht trägt letzten vögel fort der stahlergraute himmel umspannt das firmament ruht fern auf einem kirchturm hinter bauminseln und hecken schützen alte mauern verborgen ein dorf das signal gestört auf […]

Rings und Lechts vom Kopf auf die Füße stellen

Rings und Lechts vom Kopf auf die Füße stellen

Es gibt, seit geraumer Zeit schon, eine Diskussion darüber, ob sich das „Links-Rechts-Gefüge“ verändere. Und ohne dass ich einer Aufhebung das Wort reden will, kann ich nicht umhin zuzustimmen: Ja, da verändert sich etwas. Ganz eigentlich wird da etwas vom Kopf auf die Füße gestellt. Und diese Veränderung ist eine Verstärkung der Trennung zwischen „Links“ […]

Zweierlei Querfront

Zweierlei Querfront

Der Aufruf zu einer »Mahnwache für den Frieden« im vergangenen Jahr verortete den Grund für die Kriege dieser Welt bei der Federal Reserve Bank in den USA. Eigene Machtinteressen Deutschlands oder der EU gab es demnach nicht, nur das »raffende Kapital« jenseits des Atlantik war schuld. Jutta Ditfurth und andere erkannten darin antisemitische Codes. Ohne […]

Die Welt ist ein Irrenhaus. Über Brendan Behan.

Die Welt ist ein Irrenhaus. Über Brendan Behan.

  Als er auf dem Sterbebett lag, eine pinguinische Nonne an seiner Seite, bat er um Whiskey. Aber die gottesfürchtige Frau versagte diese Art von letzter Ölung. „Gott segne sie Schwester. Mögen alle ihre Söhne Bischöfe werden“, soll Brendan Behan ihr zugeraunt haben. Dann gab er das Saufen final auf. Behan stammte aus der irischen […]

Die Lage im Jahre 2014 ist die Lage im Jahre 2018

Die Lage im Jahre 2014 ist die Lage im Jahre 2018

Zur aktuellen Lage (2014) Die ethischen Grundlagen des bürgerlichen Staates Vorbemerkung Die Errungenschaften der bürgerlichen Revolutionen in Frankreich, der Unabhängigkeit der Vereinigten Staaten, der deutschen Revolution von 1918 und der russischen Februar-Revolution von 1917 sind, wenn auch sehr unterschiedlich ausgeprägt und durch soziale Schichtungen überlagert, konstitutionell für die Entwicklung eines demokratischen Gesellschaftsplans. In den revolutionären […]

Reflexe

Reflexe

Es gibt reflexhaften Antiimperialismus, es gibt nostalgische, verklärende Sichten auf die Welt, die zu nichts anderem führen, als dazu, dass uns – und ich meine dieses „uns“ in einem weiten, umfassenden Sinne – nicht abgenommen, nicht geglaubt wird, was wir doch wollen sollen: Eine Welt, die von jener in der wir leben im Guten zu […]

ARIADNE (deutsche und portugiesische Fassung) [Für Maria E.-v. K.]

ARIADNE (deutsche und portugiesische Fassung) [Für Maria E.-v. K.]

Dionysos’ schöne Braut, wer hat sie je besessen, gleich ihm? Das Labyrinth, das Tier, es lebt und war ihr Haus, worin sie schlief mit dem verrückten Gott. Wenn sie fortlief, ist er stets gefolgt, der einzige Gatte, Gott des Unglücks, denn niemandem sonst galt ihr Enthousiasmos, in der inneren und der äußeren Welt. Kein Theseus […]

So ein Trost

So ein Trost

(für Kurt Buschmann) Natürlich ist die Musik immer ein Trost. Zum Beispiel Gerry Mulligans Saxophon und Chet Bakers goldene Trompete. Damals, vor dreißig Jahren, während eines Konzerts in der Carnegie Hall waren die beiden bei „Line for lions“ so miteinander im Gespräch dass man hätte glauben können nichts sei leichter als das Leben. Und als […]

Das zweite Verschwinden meines Vaters

Das zweite Verschwinden meines Vaters

Ich erinnere mich an den Tag als mein Vater neben seinem Tod im Klinikbett lag. Eine schwer atmende Maschine hinderte ihn daran ganz fort zu gehen. Seine Lippen scheuerte ein zuckender Schlauch wund. Jetzt, da er wieder bei uns ist hat etwas seinen Mund verschlossen. Die Stimme meiner Mutter am Telefon wird ganz flach, wenn […]

Meersburg im Winter

Meersburg im Winter

Am Morgen schweigt im Nebel der unsichtbare See. Enten treiben wie Stücke verbrannten Holzes im kalten Weiß. Dass dort, den Berg hinauf die Droste starb, hat Benn vermeldet. Tatsächlich ist das Bett ganz kinderklein. Mit den Augen nahmen wir Maß. Dazu ein Kachelofen, grün. Tapeten und ein Kranz. Ein Bild voll Depression dem Fenster zu. […]

Kein Bildnis machen

Kein Bildnis machen

Die Fotoalben, in denen Du seit Tagen unsere Erinnerungen ordnest, füllen die Regalbretter. Zwei Jahrzehnte hindurch hatten wir diese papierenen Fenster in unsere Vergangenheit achtlos in die Anrichte gestopft. Tausende haben dort im Dunkel gelegen, ohne uns an verschwundene Sandburgen, Stunden in längst geschlossenen Cafés und Menschen zu gemahnen, deren Namen wir vergessen haben. Und […]

… wird kommen über Nacht

… wird kommen über Nacht

Der Junge, der im Haus meiner Eltern lebte, hat graue Haare bekommen. Damals, im zweiten Stock, wo die Dachschräge das Zimmer eng machte trug er Bücher zusammen, stellte sie auf ein Bord und hasste die Tage die ihn von der Zukunft trennten. Auf Fotos schaut er aus dem Schwarzweiß jener Zeit, die nicht weichen wollte […]

Atopia

Atopia

An langen, heißen Sommertagen, wenn das Gras gelb zu werden beginnt und die Stimmen der Radfahrer vom Fluss herüberwehen, geht eine Stille über das Land, als habe der Engel des Nachmittags Dir befohlen, den Atem anzuhalten. Noch hängt eine Staubfahne über dem Weg. Noch quert der Schatten der Schwalbe Dein Fensterkreuz. Der Ruf des Nachbarn […]

Ombre di Venezia

Ombre di Venezia

Seit Tagen erwachst Du wieder in Venedig, dieser geträumten Stadt, deren Schönheit einen König in den Wahnsinn trieb. Auf dem grünen Wasser der Kanäle wird die Zeit in schwarzlackierten Gondeln befördert, achtzig Euro pro dreißig Minuten. Alte Frauen, die sich mit Hunden unterhalten, stehen wie vertrocknete Bäume auf schattenlosen Plätzen. Ihre geschlossenen Wintermäntel schützen die […]

Mit dem Blindenstock

Mit dem Blindenstock

Um 9 Uhr aus dem Nebelland gefunden, die Kathedralen zugesperrt, der Traum vergeht wie Rauch. Jetzt Jalousien hoch, die frische Luft hilft denken. Ein warmer Tee, Darjeeling, auch. Wie üblich dann Musik, Bach 988. Im Grün des Nussbaums lacht mich eine Elster aus. So tapp ich in den Tag, am Blindenstock der kleinen Dinge, dass […]

In der Nacht Walzerklänge

In der Nacht Walzerklänge

Mein Herz, dieser fremde Gast in der Brust. Regelmäßig am Nachmittag klopft er an, etwa zwischen vier und fünf. Ich nehme ihn dann mit auf den Postgang, rede mit ihm wie mit einem unartigen Kind. Aber er hört nicht auf mich. Mag sein, ich habe mit ihm einen alten Vertrag, an den ich mich nicht […]

Spaziergang im Herbst

Spaziergang im Herbst

Diese Wege zu gehen, unter dem dünnen Blau des kühlen Novemberhimmels, den Geruch brennenden Laubs in der Luft und das leise Rauschen des Verkehrs von der Autobahn im Tal. Was hat mich hinausgeführt an diesem Morgen? In den lang schon aufgelassenen Gärten lehnen unbenutzte Leitern in nackten Kirschbäumen. Müde hat sich die Umzäunung aus Maschendraht […]