Born of War

Born of War

Europas verleugnete Kinder

Wenn das erste Opfer des Krieges die Wahrheit ist, so sind es die Kinder, die das größte Opfer des Krieges sind. Sie werden häufig ihrer Eltern und ihrer Kindheit beraubt – so wie die « born of war ».

« Mein Vater ein hässlicher Deutscher und meine Mutter eine Hure – schreckliche Gedanken. » (S. 238) Mit diesen drastischen Worten bringt es Monika Benndorf im Interview mit der Herausgeberin Gisela Heidenreich auf den Punkt, was es für sie früher hiess, ein « born of war » (= Kriegskind) zu sein. Als « born of war »-Kindern werden Kinder bezeichnet, von denen ein Elternteil von der einheimischen Bevölkerung stammt und der andere Part von einer Besatzungsmacht (hier im Sinne der deutschen Wehrmacht). Die Psychologin und Autorin Gisela Heidenreich erweitert für den vorliegenden Band die Definition noch um die Kinder, die in den Lebensborn-Heimen der SS zur Welt kamen. Die Kinder jener Heime sind in einer ähnlichen Situation. Gemeinsam ist diesen Kindern, dass sie häufig sozial ausgegrenzt wurden und in wenigen Fällen ihren leiblichen Vater kennenlern(t)en.

Im vorliegenden Sammelband brechen europäische Kriegskinder ihr Schweigen und sprechen über ihre eigenen Biographien im Schatten der Umstände ihrer Geburt. « So paradox es klingt: Diese Kinder verdanken ihr Leben dem Krieg, weil sie im Krieg durch Beziehungen mit « dem Feind » entstanden – aus Liebe oder Ideologie – manchmal auch durch Gewalt » schreibt Heidenreich pointiert im Vorwort. Zwölf Autor*innen haben dazu beigetragen, interviewten Vertreter*innen der « born of war » und decken dabei die Situation und die Fälle aus mehr als sieben europäischen Ländern beleuchtet. Diese werden jeweils im politisch-historischen Kontext eingeordnet als Einzelschicksale dargestellt. Besonders von Interesse ist dabei auch die in der Forschung zum Nationalsozialismus immer noch etwas siefmütterlich behandelte Organisation Lebensborn e.V..

Das Buch spricht ein nach wie vor tabuisiertes Thema an. Diese Kinder sind eine bislang öffentlich kaum wahrgenommene Opfergruppe des Krieges. Die Schicksale sind bewegend und in ihrer Vielzahl erschlagend. Streckenweise ermüden die sich bei den meisten wiederfindenen Aspekte der Biographie beim Lesen. Dennoch ist es ein politisch sehr wichtiges und gutes Buch. Es bleibt zu hoffen, dieses Buch dazu beiträgt, das Schicksal jener Kinder eine Lobby zu schaffen.

Maurice Schuhmann

Gisela Heidenreich (Hg.): Born of war – vom Krieg geboren. Europas verleugnete Kinder, Ch. Links Verlag Berlin 2017, 368 S., ISBN: 978361539773, Preis: 25 €.