Otto Köhler schreibt heute in der „jungen Welt“ über die Rede Höckes in Dresden. Und in der Tat ist es so, wie Otto Köhler es darstellt. Auch Stefan Winterbauer schreibt in Meedia ganz ähnlich.
Walser, Höcke scheinen sich da ähnlich — in der Grundsee ihrer intellektuellen Binnenmeere geht ein antisemitischer Strom. Bei Walser hat mich das anfangs verstört. Er war ja jemand, der der allgemeinen Linken nahestand. Ganz anders, als es etwa Mahler oder Rabehl taten – also ohne den Impetus der nationalen Befreiung.
 
Aber zu jener vergangenen Zeit, als ich ein Kind noch war und dann ein Jugendlicher, mag es auch Erfahrungsmangel bei mir gewesen sein, der mich diesen Strom, diese gegenläufige Grundsee nicht erkennen ließ. Augsteins Spiegel gehörte, wie die Frankfurter Rundschau zur informativen Grundausstattung, da war man dem Herausgeber zwar nicht nahe, doch beeinflusste die Berichterstattung seiner Zeitschrift, bei aller Skepsis, schon die eigene Positionsbestimmung und vernebelte dabei vielleicht den Blick auf den Mann an der Spitze. Walsers Romane waren Teil des eigenen Kanons. Berichte gehen, schöngeistige Literatur soll bleiben. Die oberen SS-Chargen, die nicht nur in der Redaktion des SPIEGELS saßen, überwiegend wohlwollend entnazifiziert, sind deshalb ärgerlich, gehen mir aber als Figuren nicht so nahe, wie es Walser tut, seit er sich zur Figur zerredet hat.
Arg kommt es mich immer noch an, dass Walser sich in so falscher Weise verlautbarte. Dass andere sich nun zur Gänze nach rechts wandten und also in die angestammte, aber lang geleugnete, ideologische Heimat, lindert den Zorn auf Walser nicht.
Mahler der sich zum Nationalsozialismus bekennt, Bei Rabehl ist es das schreckliche heilige Deutschland, dieses überhöhte Bild von Vaterland, der Begriff von Blut und Ehre, den Stauffenberg im Hof des Bendlerblocks ausrief, als er von einem faschistischen Erschießungskommande ermordet wurde.
Bei Walser aber war es nicht das Herrenmenschentum, das da durchschlug. Die elende deutsche Eichen- und Buchenromantik war es eher – der deutsche Hausvater, den zu geben ihm den Goethe, ganz zu unrecht, nähergebracht zu haben scheint. Bei Mahler und Rabehl verhält es sich vollkommen anders.
Bei Augstein, dessen Spiegel die öffentliche Meinung in der Bundesrepublik früh schon mitgestaltete, brach das nationalliberale Großbürgertum durch die Sätze. Auch er wollte das Holocaust-Denkmal in Berlin nicht, weil es ihm seine Träumerei von Berlin, mit Nachtleben und Cafe Europa, mit Stadtschloss und den Resten von Preußens Gloria, mit Bohéme und Industriellenadel beschädigte, glaube ich. Seine Begründung war eine andere, als die, die ich ihm, ich gebe es zu, unterstelle. Auch ist ein nationaler Liberalismus eine eher lässliche politische Verirrung.
Letztlich also bleibt der Geschichtslehrer Höcke, mit dem sich die Beschäftigung lohnt. Treudeutsch, dass man nur auf ihn blicken muss, um in eben diese deutsche Senke zu schauen, die mit potemkinscher Kleinstadtidylle, mit Honoratioren in Lodenmänteln, mit Kaiserdenkmal und einer ewigen Kinderschar, die das Lied von den Bergen singt, die im Frühtau bestiegen sein wollen, dem guten Deutschen das Herz recht wärmt. Und von Ferne leuchtet die Großstadt: modern, surrealistisch, am Puls der deutschen Zeit. Eine Märklineisenbahn fährt dampfend durchs Idyll und die Spielzeughäuser sind säuberlich zusammengeklebt.
Der Prototyp der Vaterlandsliebe deutscher Art trägt ihn in sich, den deutschen Traum von Gemütlichkeit und Weltgenesung; und er wehrt sich gegen jede Beschädigung seiner teutonischen Vision: mit gefletschten Zähnen. Flink in der Rede, zäh in der Sicht auf die Welt und hart im Herzen.
 
Indess: Bei Höcke ist es, so empfinde ich’s, nicht nur diese treudeutsche Schauen in die Welt. Bei ihm meine ich das Nationalistische als Wesenheit zu erkennen und als gepaart mit dem deutschen Faschismus. Da kommt das alles zusammen für mich: Grad‘ ist es noch der Stahlhelm und schon ist’s die Schutzabteilung, grad‘ ist es noch, als spräche Hindenburg und schon hört man Goebbels durch. Das scheint die neue Art von Nationalsozialist zu sein: Totenkopf und Laptop, HipHop und der Badenweiler.
Denn in meinem Wertehorizont ist Höcke ein Nationalsozialist. Er ist einer jener, durch die ich die Freiheitsrechte ganz wirklich bedroht sehe. Und da hat er eben nichts mehr zu tun mit Walser oder gar mit Augstein, der trotz aller nationaler Weltsicht stets dafür gestanden hat die Freiheitsrechte zu verteidigen. Nein Höcke gehört nicht in eine Reihe mit diesen beiden. Da bieten sich Mahler und Rabehl eher an, auch wenn Höcke natürlich der Agilere, der Gewandtere ist. Aber bedarf es des Vergleiches überhaupt? Höcke repräsentiert eine politische Strömung, die sich vom kruden Faschismus der NPD dadurch unterscheidet, dass sie nicht rückwärtsgewandt ist, sondern die Zukunft ganz ernsthaft beherrschen will. Sie hat den Anspruch zum absoluten Sieg, wie Höcke ja selbst sagt. Und sie hat, durch die schon begonnene Zersetzung gesellschaftlicher Institutionen, auch zunehmend die Möglichkeit. Sie ist gefährlich. Dieser Strömung muss Einhalt geboten werden.
Ich will in einem Staat leben, der die Freiheitsrechte seiner Bürger schützt. Ich will nicht national befreit und vervolkt werden.
Michel Friedman hat gestern gesagt, es ginge nicht mehr darum, den Anfängen zu wehren, wir würden lang über sie hinaus sein. Das stimmt. Wir befinden uns in einer Abwehrschlacht gegen das schlechte, das nationalistische und nationalsozialistische Deutschland. Und wir müssen alles moralisch, ethisch und rechtlich Vertretbare tun, um diesen Kampf zu gewinnen. Dazu gehört, ich wiederhole es, wie Cato der Ältere seinen Spruch zu Karthago, dass die AfD beobachtet und verboten wird.