Es geht um uns. Nicht um sie

Es geht um uns. Nicht um sie

Uwe Friesel

Immer mal wieder, wenn die Umstände bedrohlich werden, meldet sich auch der Verband deutscher Schriftstellerinnen und Schriftsteller (VS) zu Wort. So zu Beginn 1991, als die USA in den CIA-inszenierten Irak-Krieg zogen und die Kollegen Enzensberger und Biermann öffentlich die Kriegstrommel rührten. Der VS reagierte mit der TB-Flugschrift „Reden will ich von der Angst meines Herzens“, veröffentlicht im Luchterhand-Verlag, erstmals mit Beiträgen von Ossis und Wessis gemeinsam.
Parallelen zur „Erklärung 2018“ drängen sich auf. Auch diesmal werden unter Mithilfe namhafter Autoren Fake-News in die Welt gesetzt. Doch sie zielen, nachdem die Erde ein paar Umdrehungen weiter ist, in eine gänzlich neue Richtung. Diesmal geht es um die angebliche Überfremdung des deutschen Volkes durch Flüchtlinge. Egal welche und woher und warum. Die Festung Europa soll endlich vor diesem „Asyl-Tourismus“ sicher werden.
Was tun deutsche Politiker, egal ob an der Regierung oder in der Opposition? Sie delegieren die Verantwortung an eben dieses Europa. Oder sie ergreifen, wie unser Innenminister, eigene Maßnahmen, um den „Flüchtlingsfluten“ einzudämmen. Sogar Konzentrationslager sind wieder im Gespräch, nur ein wenig umbenannt in „Ankerzentren“. Schnell offenbart sich, dass es „im Kern nicht um Fakten, sondern um Emotionen: Xenophobie, Neid, Hass, Ängste, Empathie oder eben fehlendes Empathievermögen“ geht.
Mit dieser Zusammenfassung von Klaus Farin gleich im Vorwort seiner sehr akuten Anthologie ist der Grundton angeschlagen. Anlass war die Auseinandersetzung im Berliner VS mit einem AfD-Mitglied im Vorstand. Seine Doppelmitgliedschaft warf die grundsätzliche Frage auf, wie das denn wohl vereinbar sei: AfD und VS?
Das vorliegende Buch nun folgt in seiner Struktur dem dialogischen Hin und Her seiner Entstehung und wird dadurch erstaunlich lesbar. Allerdings fällt auf, dass etliche, meist sehr kenntnisreiche Herleitungen aus der Historie von Sozialdemokratie und Gewerkschaften merkwürdig blass bleiben. Hier wird nach meinem Gefühl zu komplex Vergangenheit gerettet. Selbst wenn man als Leser solchen Analysen gern folgt, auch längeren, wundert man sich, wieso ausgerechnet bei der ja nicht gerade weltbewegenden Frage nach einer Vereinbarkeit von AfD- und VS ein derartiges Patchwork entsteht. Da wird ausholend auf die globale Identitätskrise Bezug genommen: Trump, Putin, Erdogan, Le Pen, etc. Und schon ist man beim Trend zum Nationalen überall in der Welt.
Na gut: es ist ja auch verwirrend. Wer von uns hätte vermutet, dass die alte Formel, wonach eine revolutionäre Situation dann eintritt, wenn die Unteren nicht mehr wollen und die Oberen nicht mehr können, sich mit derselben Logik auch gegen links kehren könnte? Beweisen unsere Wutbürger nicht mit jeder neuen Wahl genau das, nämlich dass sie nicht mehr wollen, und unsere Altparteien, dass sie nicht mehr können?
Bei der spürbaren Ratlosigkeit der meisten Beiträger spielt das Vor-Verständnis von Toleranz eine entscheidende Rolle. Kein Wunder, denn das Hauptmerkmal von AfD und mehr noch von Pegida ist ja Intoleranz. Und eben darin möchte man sich unterscheiden. Indes, hätte man nicht den Untertitel „SchriftstellerInnen und der Rechtspopulismus“ gewählt, der zu Ausflügen in alle möglichen Richtungen geradezu einlädt, man hätte sich auf die Hauptfrage konzentrieren können (und nach meiner Meinung auch müssen), nämlich ob die rechtslastige Ideologie der AfD mit einem demokratischen Schriftstellerverband vereinbar ist oder nicht. Hierzu äußern sich dezidiert nur wenige Beiträger, so Michael Wildenhain, Leonhard F. Seidl, ansatzweise Nina George, Rudolph Bauer, Zoë Beck und am Ende auch Carlos Collado Seidel. Dem konkreten und von ver.di eher unter dem Deckel juristischer Denk-Verbote gehaltenen Problem der Unvereinbarkeit wird dagegen oft genug ausgewichen. Zum Beispiel mit der Mantra-artig wiederholten These, man würde die AfD nur in ihrer Opferrolle bestätigen: Als ob sie uns dazu bei ihrem „Lügenpresse“-Selbstverständnis noch nötig hätte!
Erfrischend dann, wie rasch eine (jüngere) Beiträgerin, Sophie Sumbarane, auf das Wesentliche kommt: „Sobald die Meinungsfreiheit als Worthülse gebraucht wird, um eben die Meinungsfreiheit zu bekämpfen, ist sie keine solche mehr, sondern ein Angriff auf unser hohes Gut, für das (…) vor allem auch der VS steht und eintritt. Und ich empfinde es als zumindest fragwürdig, (…) zuzusehen, wie AfD-Mitglieder als gleichzeitige VS-Mitglieder die Chance bekommen, die Gewerkschaft von innen her zu zersetzen.“
Genau! Und genau hier setzt meine Hauptkritik an dem Band an: Die meisten BeiträgerInnen meinen mit „Unvereinbarkeitsbeschluss“ offenbar, dieser Begriff sei gleichzusetzen mit einem juristischen Ausschlussverfahren. Dazu gibt es ja auch unrühmliche Präzedenzfälle. Nur, müssen wir uns deshalb diese Auslegung zu Eigen machen? Bei einem Unvereinbarkeitsbeschluss, etwa durch den kommenden Schriftstellerkongress, ginge es zu allererst um die öffentliche Bekundung unseres eigenen Selbstverständnisses.
Statt opportunistisch eine rechtslastig–verquaste „Erklärung 2018“ zu unterstützen, müssen wir zu unseren Grundprinzipien zurückfinden. Wir haben eine Verfassung zu verteidigen, die immer noch die beste Konstitution ist, die auf deutschem Boden je Bestand hatte. Die Haltung des Verbands deutscher Schriftstellerinnen und Schriftsteller (VS) muss wieder kenntlich werden. Die Haltung der AfD ist es längst.

Mit Beiträgen von Rudolph Bauer, Zoë Beck, Carlos Collado Seidel , Lena Falkenhagen, Klaus Farin, Nina George, Werner Schlegel, Leonhard F. Seidl, Sophie Sumburane, Michael Wildenhain. Vlg. Hirnkost, Berlin 2018. 168 Seiten, 12,00 €)