Intention und Wirkung. Friedrich Nietzsche und die Abgründe des Denkens

Intention und Wirkung. Friedrich Nietzsche und die Abgründe des Denkens

Zwischenfazit zu Nietzsche-Bildern

Das Interesse an Friedrich Nietzsche und seiner Philosophie ist ungebrochen. Passend zum 175. Geburtstag erschien im Karl Alber Verlag eine neue, umfangreiche Monographie zu seiner Philosophie – ‘Auf die Schiffe ihr Philosophen!‘. Friedrich Nietzsche und die Abgründe des Denkens. Autor jenes umfangreichen Werkes ist Christian Niemeyer, der auch in der Vergangenheit emsig zur Pädagogik und Philosophie Nietzsches veröffentlicht hat – u.a. war er Herausgeber eines (leider etwas oberflächlich gebliebenen) Nietzsche-Lexikons (WBG 2009) – einen Namen geschaffen hat. Nun hat er einen Versuch einer Bestandsaufnahme zu Nietzsche und seiner Rezeption unternommen. „In ihm [diesem Buch] wird Nietzsche großräumig zur Schau gestellt, in Sachen Intention (Teil A), aber auch in Sachen Wirkung (Teil B).“ (16) In seiner vorliegenden Publikation kulminieren seine Forschungen ein Stück weit, was sich u.a. darin zeigt, dass er wiederholt selbst-referentiell bei der Untersuchung einzelner Facetten auf eigene Publikationen („Als ich vor zehn Jahren…“) verweist – bzw. als Zugabe im letzten Teil seiner Arbeit kurzerhand auch ein mit ihm geführtes Interview wieder abdruckt.

Seine Bestandsaufnahme unterteilt er in zwei große Abschnitte – einerseits „Intention“, andererseits „Wirkung“. Ersterer unterteilt sich in Kapitel, von denen drei sich den einzelnen Schaffensperioden (früh, mittel, spät) widmen und sieben weitere sich unterschiedlichen Aspekten seiner Philosophie wie z.B. dem Wahrheitsbegriff, die Metaphysikkritik oder der Übermensch-Begriff. Gut 260 Seiten umfangreich ist dieser Abschnitt. Im weiteren Verlauf zeichnet er die deutsche Rezeptionsgeschichte Nietzsches nach, wobei quantitativ der Schwerpunkt auf der Nazifizierung und dem völkischen Diskurs um Nietzsche sowie die Debatte um den Antisemitismus bei Nietzsche gelegt wird.

Häufig wird auf das Primärwerk akquiriert, d.h. direkt daraus zitiert, so dass die Aussagen direkt nahvollziehbar sind. Sein Schreibstil ist dabei an manchen Stellen gewöhnungsbedürftig familiär. So mutmasst er in Bezug auf Nietzsches Haltung zu seiner Spätschrift Ecce Homo, die kurz nach seinem geistigen Zusammenbruch publiziert wurde: „Ich bin mir sicher: Hätte Nietzsche noch, wie auch immer, geistig die Kurve gekriegt und froh und glücklich seinen 60. Geburtstag gefeiert – er hätte diesen Text aus dem Verkehr gezogen.“ (15). Auch in anderen Passagen wirkt der Schreibstil eher journalistisch als klassisch-wissenschaftlich, wobei auch die Grenzen zwischen Darstellung und Kommentar imer wieder verschwimmen. Zudem ist sein Zugang sehr stark durch seine eigene Disziplin – die Pädagogik – geprägt. Die von ihm gewählten Beispiele und Kontextualisierungen kommen aus jener Disziplin. Hier werden die Vorfälle an der Odenwaldschule thematisiert, dort gibt es den einen oder anderen Seitenhieb auf Fachkollegen oder einen Verweis auf innerdisziplinäre Diskurse. Verbunden mit den vielen Referenzen auf eigene Publikationen wirkt Niemeyers Werk immer wieder sehr selbstgefällig – besonders wenn der Herr Autor großmütig Lob und Tadel verteilt. Damit vereitelt er ein Stück weit das, was das eigentliche Anliegen seiner Darstellung war, nämliche eine Bestandsaufnahme der Forschung zu Friedrich Nietzsche.

Maurice Schuhmann

Christian Niemeyer: „Auf die Schiffe ihr Philosophen!“. Friedrich Nietzsche und die Abgründe des Denkens, Verlag Karl Alber Freiburg / München 2019, 488 S., ISBN: 9783494490440, Preis: 39 €.