Wir sind die fucking Zukunft!

Wir sind die fucking Zukunft!

Klimakämpfe!

Einen sehr zwiespältigen Eindruck hat die Lektüre von Hanna Poddings Klimakämpfe bei mir hinterlassen. Als Aktivistin schätze ich sie sehr – und das macht eine Stärke des Buches aus. Sie berichtet über Klimakämpfe aus erster Hand – und authentisch. Als Ressourcen greift sie aber nicht nur auf eigene Erfahrungen zurück sondern auch auf Szenepresse, Flugblätter und Medienberichte. Es geht bei ihr um Anti-AKW, Zucker im Tank, Klima-Camps und Hambacher Forst. Sie übt (solidarische) und m.E. nach zum Teil berechtigte Kritik an Bewegungen wie Fridays for Future oder Extinction Rebellion. Wenn sie dann aber einen Teil der Demonstrant*innen, d.h. die Jungaktivist*innen, als Postkolonialisten tituliert, klingt es schon etwas abgehoben. Die Auswahl der Themen und Kampffelder ist sehr subjektiv – und manche Kämpfe wären sicherlich ebenfalls von Bedeutung. Manchmal driftet der Text dann aber auch in die typischen Szenenarrative ab und bedient sich partiell einem 80er Jahre Autonomenduktus, wenn sie den Tripple Oppression-Ansatz stark macht oder die Gewaltfrage diskutiert. Aktivist*innen dürften auch wenig Neues darin finden, aber der Adressat dürften auch in erster Linie Newbys und „interessierte Laien“ sein. Aktivist*innen sollen insoweit angesprochen werden, als das sie den Versuch unternimmt, gegen die Resignation anzuschreiben – ein Aspekt, der ihr nicht so gut gelingt. Ein anderes, großes Manko sind ihre theoretischen Reflexionen – sei es über den Begriff der „Gewaltfreiheit“, dem sie einem eigenen Exkurs widmet, oder über das Konzept von zivilen Ungehorsam. Sie ist Pragmatikerin und Aktivistin – mit einer klaren Distanz zur Theorie und Leuten, die dazu arbeiten. Das drückt sie auch explizit in ihrer Kritik an bezahlten Bewegungsarbeiter*innen aus.

Als Produkt der Bewegung ist das Buch als Einstieg geeignet, aber in Bezug auf theoretische Reflexionen versagt es leider.

Maurice Schuhmann

Hanna Podding: Klimakämpfe. „Wir sind die fucking Zukunft!“, Unrast Verlag Münster 2019, ISBN: 978-3-89771-148-8, 104 S., Preis: 7,80 €.