Zu Jacques Le Goffs Buch „Wucherzins und Höllenqualen“

Vorbemerkung: Am 1. April dieses Jahres starb Jacques Le Goff, der französische Historiker und Spezialist für die Geschichte des Mittelalters. 1988 erschien bei Klett-Cotta sein Buch „Wucherzins und Höllenqualen“ über die Ökonomie und Religion des Mittelalters. Ich habe das Buch damals rezensiert, weil ich es wichtig für die abendländische Geschichte und vor allem für die Geschichte der Globalisierung hielt. Meine Besprechung, die ich hier aus Anlass von Jacgues Le Goffs Tod unverändert nochmals publizieren möchte, erschien ursprünglich am 4. September 1988 im Deutschen Allgemeinen Sonntagsblatt unter dem Titel „Eine recht flexible Ethik“.
Ich möchte darauf hinweisen, das sich seither selbstverständlich die anfangs von mir referierten ökonomischen Daten verschoben haben, was im Abstand von mehr als 25 Jahren nur erwartbar war. Ihre Tendenz und die sich daraus ergebende grundsätzliche Analyse hat meiner Ansicht nach nichts von ihrer Wichtigkeit verloren. Sie hat sich nur dramatisch verschärft.

Jacques Le Goff
EINE RECHT FLEXIBLE ETHIK

Jacques Le Goff: „Wucherzins und Höllenqualen“. Beobachtungen zum historischen und gegenwärtigen Umgang mit dem Geld von Peter H. Gogolin

Wer sich heute eine möglichst plastische Vorstellung vom „Wucher“ und all seinen realen Auswirkungen machen möchte, braucht der Entstehungsgeschichte dieses Begriffs seit dem Hochmittelalter nicht nachzugehen. Es reicht ein Blick auf die verheerende Schuldensituation der Dritten Welt. Die Schuldenbombe tickt. In knapp 15 Jahren hat sich der Schuldenberg der Dritten Welt mehr als verzehntfacht und beläuft sich inzwischen auf sage und schreibe 1250 Milliarden Dollar. (Stand September 1988 – Anmerkung des Autors im April 2014). Man betrachte etwa die Hochzinspolitik der Reagan-Regierung, die, da die Kreditaufnahme zu einem variablen Zinssatz erfolgt war, die Geschäftsbedingungen für die Schuldnerländer von heute auf morgen drastisch veränderte. Der Zinssatz verdreifachte sich von sechs auf fast achtzehn Prozent.

Krieg der Wucherzinsen

Allein Brasilien kostete eine Erhöhung der Zinsen um einen Prozentpunkt bereits 25 Prozent seiner Kaffee-Erlöse. (Alle Zahlen aus dem Informationsblatt des Antiimperialistischen Solidaritätskomitees für Afrika, Asien und Lateinamerika). „Es handelt sich um einen nichterklärten Krieg; es ist der Krieg der Wucherzinsen, des Preisverfalls und des ungleichen Tauschs. Die ferngesteuerten Raketen der Zinssätze und Terms of Trade töten bislang Millionen Menschen in der ausgeplünderten Welt.“ Diese Sätze stammen zwar von Fidel Castro, doch sind sie deshalb nicht falsch. Man kann die Welt mit der „Bombe der Armut“ ebenso nachhaltig zerstören wie mit der Atombombe.

Betrachtet man die gegenwärtige Situation, deren Bedrohlichkeit wohl kaum noch übertrieben werden kann, so erscheint sie wie der Endpunkt einer Entwicklung, die Jacques Le Goffs Buch über die Verhältnisse von „Ökonomie und Religion im Mittelalter“ in seinen frühen Entstehungsphasen nachzeichnet.

Le Goffs brillianter Essay führt den Leser zurück in das Spätmittelalter, eine Zeit weltanschaulichen und wirtschaftlichen Umbruchs, in eine Krisenzeit, die die damals lebenden Menschen nicht weniger verunsichert haben dürfte als uns heutige, die wir die unverdaulichen Früchte dieser Entwicklung in Händen halten.

Das Christentum befindet sich im 13. Jahrhundert auf einem Höhepunkt eines seit dem Jahre 1000 andauernden Aufschwungs, doch ist es bereits gefährdet. „Der Erfolg und die Ausbreitung der Geldwirtschaft bedrohen die alten christlichen Werte.“ Es ist die Geburtsstunde des Frühkapitalismus, die dazu zwingt, das Verhältnis des Menschen zu seiner Welt neu zu ordnen, das ökonomisch Notwendige der sich entwickelnden Wirtschaftsstrukturen abzugrenzen gegen die ungebremste Dynamik dieses neuen ökonomischen Systems.

Geben ohne Verlangen nach Gegenleistung

Le Goff beginnt seine Darstellung dieses Versuchs mit dem Hinweis auf Belegstellen des Alten und Neuen Testaments, die das Geben ohne Verlangen nach einer Gegenleistung zur Grundlage christlicher Wirtschaftsethik erheben. In der darauf folgenden Diskussionen der „Summae“ oder „Handbücher für Beichtväter“ und der Konzilsbeschlüsse seit dem 4. Laterankonzil (1215) tritt die grunsätzliche Verdammung jeglicher Arten von Zinsleihe in den Vordergrund. Erst die „Exempla“, leicht verständliche Erzählungen, die in der Predigt als wahre Begebenheiten geschildert werden, führen den Wucherer selbst in das Zentrum der Betrachtung ein.

Der Wucherer erscheint darin als ein dem Teufel Verfallener, denn er zieht Gewinn aus einer Sache, die nur Gott gehören kann. Arbeitet denn nicht sein Geld für ihn statt seiner, und tut es dies nicht sogar noch im Schlaf, was alle Vorstellungen vom rechtmäßigen Ertrag einer Arbeit auf den Kopf stellt?

Der Zeitdieb

Der Zinsleiher läßt demnach die Zeit für sich arbeiten, die doch rechtmäßig nur Gott gehören kann. Er ist also der „Zeitdieb“, der in den romanischen Bildhauereien immer wieder als Verbrecher dargestellt wird und der Verdammnis entgegengeht.

GeldverleiherLe Goff bedenkt in dem Kapitel „Der Zeitdieb“, da „eine Unklarheit beseitigt werden“ muß, auf wenigen Seiten die Rolle, die den Juden in diesem Netzwerk von sich entwickelnder Ökonomie und kirchlich-christlicher Macht zugewiesen wurde. Das Verbot der Zinsleihe galt ursprünglich nur für die Gemeinschaft der Christen, obwohl selbst christliche Klöster bestimmte Formen des Kredits praktizierten.

Den Juden, die nach und nach von jeglicher produktiven Tätigkeit in anderen Wirtschaftsbereichen durch Verbot ausgeschlossen wurden, blieb letztlich nichts anderes übrig, als das Geld für sich arbeiten zu lassen. Da sie aber Nichtchristen waren, übertraten sie damit ihre biblischen Vorschriften nicht, wenn sie außerhalb der jüdischen Gemeinde verliehen.

Die Christen dachten kaum daran, ihre Verurteilung des Wuchers, die nur für die christliche Gemeinschaft galt, auf die Juden auszudehnen. Dies änderte sich erst im 12. Jahrhundert vor dem Hintergrund der stetig zunehmenden Geldzirkulation in einem wirtschaftlichen Aufschwung, der eine Neuverteilung der wirtschaftlichen Macht nahelegte.

Jetzt verschlechterten sich die Lebensbedingungen der Juden nochmals zusehen, die antijüdische Haltung der Kirche wächst, und im 12. und 13. Jahrhundert breitet sich das aus, „was später Antisemitismus heißen wird“.

Judenverbrennung in wienJudenverbrennug in Wien: aus der Schedelschen Weltchronik. „…do warden die iuden…mit gepürlicher peen des tods gestraft…“ So werden die Pogrome in der Schedel’schen Weltchronik 1493 beschrieben.

Doch damit hatte die kirchliche Anpassung an die neuen Verhältnisse der Geldwirtschaft ihr Ende noch nicht erreicht. Die Kirche antwortete auf die veränderte Situation flexibel in Form einer scholastischen Ethik, die darauf abhebt, daß die Zinsgeschäfte dann zu vertreten seien, wenn bei ihnen nur ein „gerechtes Maß“, so Thomas von Aquin, eingehalten werde. Selbst der Vorsatz, ungrechten Gewinn zurückzuzahlen, reicht aus, wenn er in der Stunde des Todes gefaßt wird, um vor der ewigen Verdammnis zu bewahren.

Le Goff beschreibt in dem Kapitel über das „Fegefeuer“, das wie der ganze Essay an sein Buch „Die Geburt des Fegefeuers“ von 1984 anschließt, sehr genau die Praktiken der Sanktionierung, die einerseits den Geldverleiher einbinden sollen in das christliche Gefüge von Werten, die längst obsolet geworden sind, weil sie mit den realen Bedingungen  der wirtschaftlichen Entwicklung nicht mehr übereinstimmten, und die andererseits die Herrschaft der kirchlichen Dogmen  sichern sollen.

So wird das Fegefeuer zu einer Art scholastischem Parkplatz, auf dem der, der die Sünde des Wuchers begangen hat, durch die Zeit und die Fürbitte seiner Angehörigen dennoch erlöst werden kann, um in das himmlische Reich einzugehen.

Faßt man es in Kürze zusammen, so entsteht und entwickelt sich die kapitalistische Geldwirtschaft erst mit dem Zurückweichen der christlichen Kirche im Mittelalter, die die neuen wirtschaftlichen Gegebenheiten einerseits, wenn auch zaudernd, akzeptiert und gleichzeitig antizipiert, um an der unvermeidlichen Entwicklung ihren Teil zu haben.

Heute kehren sich die Verhältnisse um. Der ökonomische Gewinn, wie er auch immer erwirtschaftet sei, ist längst zum unverzichtbaren Bestandteil unseres Existenzgefüges und Zins die Normalität geworden. Die Auswirkungen zeigen sich für das Opfer direkt, durch staatlich verordneten Hunger und Arbeitslosigkeit.

Für uns, die wir in der „ersten Welt“ leben, stellt sich damit eine entscheidende Frage: Wollen wir dies zulassen? „Moralisch macht es keinen Unterschied, ob Menschen im Krieg getötet werden oder ob sie zum Hungertod verurteilt sind“, schrieb der ehemalige Bundeskanzler  und SPD-Vorsitzende Willy Brandt. Dem ist nichts hinzuzufügen. Es sei denn, daß Jacques Le Goffs Buch einen neuen Ansatz bietet, unter dem auch die Beschäftigung mit unserer eigenen Geschichte neu beginnen kann.

Jacques Le Goff: Wucherzins und Höllenqualen, Klett-Cotta Verlag, Stuttgart, 1988