Durch das Gitter gesprochen

Durch das Gitter gesprochen

Zu Werner Söllners Gedichtband »Knochenmusik« von Peter H. Gogolin   Nachdem ich Werner Söllners Gedichte erstmals gelesen hatte, kamen mir in den Wochen danach alle anderen Gedichte wie geschminkt und parfümiert vor. Es war mir, als habe da ein Autor die Kruste aus sprachlichen Konventionen durchbrochen, unter der die wahren Worte sonst begraben liegen, sodass […]

ARIADNE (deutsche und portugiesische Fassung) [Für Maria E.-v. K.]

ARIADNE (deutsche und portugiesische Fassung) [Für Maria E.-v. K.]

Dionysos’ schöne Braut, wer hat sie je besessen, gleich ihm? Das Labyrinth, das Tier, es lebt und war ihr Haus, worin sie schlief mit dem verrückten Gott. Wenn sie fortlief, ist er stets gefolgt, der einzige Gatte, Gott des Unglücks, denn niemandem sonst galt ihr Enthousiasmos, in der inneren und der äußeren Welt. Kein Theseus […]

So ein Trost

So ein Trost

(für Kurt Buschmann) Natürlich ist die Musik immer ein Trost. Zum Beispiel Gerry Mulligans Saxophon und Chet Bakers goldene Trompete. Damals, vor dreißig Jahren, während eines Konzerts in der Carnegie Hall waren die beiden bei „Line for lions“ so miteinander im Gespräch dass man hätte glauben können nichts sei leichter als das Leben. Und als […]

Das zweite Verschwinden meines Vaters

Das zweite Verschwinden meines Vaters

Ich erinnere mich an den Tag als mein Vater neben seinem Tod im Klinikbett lag. Eine schwer atmende Maschine hinderte ihn daran ganz fort zu gehen. Seine Lippen scheuerte ein zuckender Schlauch wund. Jetzt, da er wieder bei uns ist hat etwas seinen Mund verschlossen. Die Stimme meiner Mutter am Telefon wird ganz flach, wenn […]

Meersburg im Winter

Meersburg im Winter

Am Morgen schweigt im Nebel der unsichtbare See. Enten treiben wie Stücke verbrannten Holzes im kalten Weiß. Dass dort, den Berg hinauf die Droste starb, hat Benn vermeldet. Tatsächlich ist das Bett ganz kinderklein. Mit den Augen nahmen wir Maß. Dazu ein Kachelofen, grün. Tapeten und ein Kranz. Ein Bild voll Depression dem Fenster zu. […]

Kein Bildnis machen

Kein Bildnis machen

Die Fotoalben, in denen Du seit Tagen unsere Erinnerungen ordnest, füllen die Regalbretter. Zwei Jahrzehnte hindurch hatten wir diese papierenen Fenster in unsere Vergangenheit achtlos in die Anrichte gestopft. Tausende haben dort im Dunkel gelegen, ohne uns an verschwundene Sandburgen, Stunden in längst geschlossenen Cafés und Menschen zu gemahnen, deren Namen wir vergessen haben. Und […]

… wird kommen über Nacht

… wird kommen über Nacht

Der Junge, der im Haus meiner Eltern lebte, hat graue Haare bekommen. Damals, im zweiten Stock, wo die Dachschräge das Zimmer eng machte trug er Bücher zusammen, stellte sie auf ein Bord und hasste die Tage die ihn von der Zukunft trennten. Auf Fotos schaut er aus dem Schwarzweiß jener Zeit, die nicht weichen wollte […]

Atopia

Atopia

An langen, heißen Sommertagen, wenn das Gras gelb zu werden beginnt und die Stimmen der Radfahrer vom Fluss herüberwehen, geht eine Stille über das Land, als habe der Engel des Nachmittags Dir befohlen, den Atem anzuhalten. Noch hängt eine Staubfahne über dem Weg. Noch quert der Schatten der Schwalbe Dein Fensterkreuz. Der Ruf des Nachbarn […]

Ombre di Venezia

Ombre di Venezia

Seit Tagen erwachst Du wieder in Venedig, dieser geträumten Stadt, deren Schönheit einen König in den Wahnsinn trieb. Auf dem grünen Wasser der Kanäle wird die Zeit in schwarzlackierten Gondeln befördert, achtzig Euro pro dreißig Minuten. Alte Frauen, die sich mit Hunden unterhalten, stehen wie vertrocknete Bäume auf schattenlosen Plätzen. Ihre geschlossenen Wintermäntel schützen die […]

Mit dem Blindenstock

Mit dem Blindenstock

Um 9 Uhr aus dem Nebelland gefunden, die Kathedralen zugesperrt, der Traum vergeht wie Rauch. Jetzt Jalousien hoch, die frische Luft hilft denken. Ein warmer Tee, Darjeeling, auch. Wie üblich dann Musik, Bach 988. Im Grün des Nussbaums lacht mich eine Elster aus. So tapp ich in den Tag, am Blindenstock der kleinen Dinge, dass […]

In der Nacht Walzerklänge

In der Nacht Walzerklänge

Mein Herz, dieser fremde Gast in der Brust. Regelmäßig am Nachmittag klopft er an, etwa zwischen vier und fünf. Ich nehme ihn dann mit auf den Postgang, rede mit ihm wie mit einem unartigen Kind. Aber er hört nicht auf mich. Mag sein, ich habe mit ihm einen alten Vertrag, an den ich mich nicht […]

Spaziergang im Herbst

Spaziergang im Herbst

Diese Wege zu gehen, unter dem dünnen Blau des kühlen Novemberhimmels, den Geruch brennenden Laubs in der Luft und das leise Rauschen des Verkehrs von der Autobahn im Tal. Was hat mich hinausgeführt an diesem Morgen? In den lang schon aufgelassenen Gärten lehnen unbenutzte Leitern in nackten Kirschbäumen. Müde hat sich die Umzäunung aus Maschendraht […]

Peter H. Gogolin: Eine Buchempfehlung

Peter H. Gogolin: Eine Buchempfehlung

1999, wenige Monate nachdem man ihm den Nobelpreis verliehen hatte, stand José Saramago im Bad und war dabei, sich zu rasieren, als das Telefon ging. „Er hielt den Hörer an die noch nicht eingeseifte Backe“, schreibt seine Frau Pilar del Río, „und sagte nicht viel: ‚Tatsächlich? Das kommt überraschend. Machen Sie sich keine Umstände, ich […]

DAS VERLANGEN NACH RÜCKKEHR

DAS VERLANGEN NACH RÜCKKEHR

Giorgos Seferis’ großer Lyrikzyklus ›Logbücher I – III‹ von Peter H. Gogolin Mein Leben steht zur Verfügung; keiner will es haben.« Seferis: Tagebücher, Mai 1937   Ende 1939, als Henry Miller nach fünf Reisemonaten in Griechenland, die er als die bedeutendste geistige Erfahrung seines Lebens bezeichnete, mit dem Schiff nach New York zurückreiste, vertraute er […]

Dem Sinnlosen Sinn abtrotzen

Dem Sinnlosen Sinn abtrotzen

Shakespeare lässt im 2. Akt von »Wie es euch gefällt« den melancholischen Jacques sagen: Die ganze Welt ist Bühne Und alle Fraun und Männer bloße Spieler. Sie treten auf und gehen wieder ab. Sein Leben lang spielt einer manche Rolle Durch sieben Akte hin. Das klingt einigermaßen ausweglos, obwohl der Dichter in seinem Stück niemanden […]

Ein Türöffner für Nietzsches Philosophie?

Ein Türöffner für Nietzsches Philosophie?

In der angeblichen Exklusivität der Philosophie, die so viele mutmaßen lasse, es ginge auch ohne philosophisches Denken, schrieb Peter Sloterdijk, spiegele sich »die Selbstausschließung der meisten vom Besten«. Wie also, wenn schon nicht die meisten, so doch zumindest mehr Leser »zum Besten« bringen? Im Falle Nietzsches, der vorschlug, man solle das Leben tanzen und oft […]

Sah er es kommen? Eine Nachtnotiz zu Imre Kertész

Sah er es kommen? Eine Nachtnotiz zu Imre Kertész

Donnerstag, 15. Dezember 2016, bei Arien von Wagner, Verdi, Meyerbeer und Leoncavallo, gesungen vom nach wie vor unvergleichlichen Lauritz Melchior Vorgestern sah ich einen Filmbericht über den Münchner Fotografen York Hovest, der bei den letzten Naturvölkern im Amazonasgebiet gelebt und beeindruckende Bilder von dort mitgebracht hat. (siehe: York Hovest, Hundert Tage Amazonien, Meine Reise zu […]

Am Beispiel der Dinge

Am Beispiel der Dinge

Zwanzig Reisen in »Shakespeares ruhelose Welt« Neil MacGregors Archäologie des impliziten Wissens von Peter H. Gogolin   Wären wir nicht immer schon mit einem Vorwissen von uns und unserer sozialen Wirklichkeit ausgestattet, wir wüssten vermutlich nicht einmal, was wir mit einer roten Ampel anfangen sollten. Zum Glück sind wir keine Kaspar Hausers und schwimmen jederzeit […]

Das Verschwinden der “Nestbeschmutzer” – Uwe Friesels Essays

Das Verschwinden der “Nestbeschmutzer” – Uwe Friesels Essays

Dass Günter Grass zu Jahresbeginn, kurz vor seinem Tod, die jüngere Autorengeneration aufrief, endlich wieder mehr Zivilcourage zu zeigen und sich in die öffentlichen Diskussionen einzumischen, war wohl so notwendig wie sinnlos. Die Rolle des streitbaren Intellektuellen ist lange schon unbesetzt, ja, der Intellektuelle selbst vegetiert nur noch als pejorative Zuschreibung dahin; wer möchte sich […]

Ökonomie und Hölle

Ökonomie und Hölle

Zu Jacques Le Goffs Buch „Wucherzins und Höllenqualen“ Vorbemerkung: Am 1. April dieses Jahres starb Jacques Le Goff, der französische Historiker und Spezialist für die Geschichte des Mittelalters. 1988 erschien bei Klett-Cotta sein Buch „Wucherzins und Höllenqualen“ über die Ökonomie und Religion des Mittelalters. Ich habe das Buch damals rezensiert, weil ich es wichtig für […]

Bekiffte Nächte in Manhatten

Bekiffte Nächte in Manhatten

Jonathan Lethems skurrile Personage in seinem neuen New York Roman »Chronic City« als Fundament für ein betörendes Leseerlebnis. Kennen Sie zufällig Penner, die Biller heißen? Oder Chase? Perkus Tooth? Eine lesbische Galeristin namens Naomi Kandel? – ein Schelm, der bei Kandel pornografische Phantasien bemüht. Den Dealer Foster Watt? Oona Laszlo, eine Ghostwriterin? Oder gar den […]

Und wenn sie mich an der Mauer abknallen

Und wenn sie mich an der Mauer abknallen

Einar Schleefs Erzählungen und Fotografien »Ich habe kein Deutschland gefunden« Im Jahre 1966 stand ich auf einer Brücke vor dem Amsterdamer Hauptbahnhof und fragte eine gepflegte alte Dame, die mir kaum bis zur Brust reichte, nach dem Weg. Als Antwort erhielt ich eine derart wüste Beschimpfung, dass ich am ganzen Körper zu zittern begann und […]

Wahrer Kitsch – Auftritt Jimmy Luntz

Wahrer Kitsch – Auftritt Jimmy Luntz

Denis Johnson: Ein Kandidat für den deutschen Krimipreis – Dem Kalender ist nie etwas anzusehen. Auch der Tag des Todes wird vermutlich ebenso unauffällig wie jeder andere beginnen; sinnlos, darüber zu jammern. Und wäre Jimmy Luntz, Kleinkrimineller und Protagonist von Denis Johnsons neuem Roman »Keine Bewegung«, nicht zu allem Überfluss auch noch ein ausgemachter Pechvogel, […]

Shakespeare – der größte und erfolgreichste Betrug

Shakespeare – der größte und erfolgreichste Betrug

Kurt Kreiler argumentiert überzeugend für die Autorschaft Edward de Veres, des 17. Earl of Oxford, an den Werken William Shakespeares.  Es ist ein Kreuz mit der menschlichen Unsterblichkeit. Von unseren großen Kulturheroen ist der Mythos weit größer als unser Wissen. Wer war Homer? Gewiss, wir haben die Ilias und die Odyssee. Aber hat ein Homer […]

Niemand hat das Recht zu gehorchen

Niemand hat das Recht zu gehorchen

Irmtraud Wojak legt die Biographie des Generalstaatsanwalts und Hauptanklägers der Auschwitz-Prozesse Fritz Bauer vor. Zu den „heiligen Irrtümern“ der Emigranten, die er geteilt habe, soll Fritz Bauer nach dem 2. Weltkrieg zu Gerhard Zwerenz gesagt haben, gehörte auch die Hoffnung, dass alles neu und großzügig werden könne. „Dass Deutschland in Trümmern lag, hat auch sein […]

Der bisher schlechteste Krimi

Der bisher schlechteste Krimi

Als ich zum ersten Mal dachte, ich hätte einen geistesgestörten Kommissar vor mir, der einen Fall zu lösen versuchte, den sich ein Autor zurechtkonstruiert hatte, der weder von den elementarsten Erfordernissen der Logik noch von den simpelsten Bedingungen der Polizeiarbeit eine Ahnung hatte, da hielt ich Fred Vargas’ Erfolgsroman “Der vierzehnte Stein” in Händen. Lange […]

Plötzlich ein Messer in der Hand

Plötzlich ein Messer in der Hand

Zu Julian Schütts halber Lebensbeschreibung »Max Frisch – Biographie eines Aufstiegs« Dass der 100. Geburtstag eines Schriftstellers Anlass für vielerlei Wind im Blätterwald des literarischen Feuilletons sein kann, ist verständlich. Dass auch die Biographen solche Gedenktage nach Möglichkeit nicht auslassen, ist sogar erfreulich. Der inzwischen fast ausschließlich an Events orientierte Kulturbetrieb wagt ja in der […]

Wer trinkt unser Blut? Die Wächter der Nacht!

Wer trinkt unser Blut? Die Wächter der Nacht!

Einer der erfolgreichsten russischen Autoren der Gegenwart dürfte wohl Sergej Lukianenko sein, der mit dem Roman “Wächter der Nacht” einen Millionen-Bestseller geschrieben hat. Die Nachfolgebände sind nicht minder erfolgreich, und der Film, für den mit der Behauptung geworben wurde, er sei so etwas wie der Herr der Ringe und Matrix in einem, spielte ebenfalls eine […]

Synkopierter Trauermarsch für Brecht

Synkopierter Trauermarsch für Brecht

Klaus Modicks neuer Roman »Sunset«, zeichnet uns ein wunderbar intimes Porträt der deutschen Exilliteraten in Amerika. »Man geht nicht zum Vergnügen ins Exil«, schrieb Alfred Kerr in seinen Briefen, aber er wusste, »nur das Vergnügen des Bleibens wär noch geringer.« Der weltweit erfolgreiche Romancier Lion Feuchtwanger und seine Frau Marta, die über Marseille, Spanien und […]