Sag mir wo Du stehst …

Was mir bitter aufstößt, und ich glaube zu Recht, ist, dass die, welche mir und anderen das Festhalten an offenen Grenzen vorwerfen, es immer mit der Unterstellung verbinden, wir wären mit dem sprichwörtlichen goldenen Löffel im Mund geboren worden und würden in den Villenvororten oder den gentrifizierten Gegenden deutscher Großstädte hausen. Ich stamme aus Hamburg Eimsbüttel, genauer: aus Eimsbüttel Süd. Meine Mutter war alleinerziehend. Ich bin bei meinen Großeltern aufgewachsen bis ich 12 war. Dann war ich Schlüsselkind. Mein Großvater hat am Matrosenaufstand teilgenommen. Er war vorher Arbeiter und hinterher Angestellter der Reichsbahn als Stellwerksleiter. Ich wohne jetzt in einer Kleinstadt, recht beschaulich und aus der Welt gefallen. Vorher habe ich in Kreuzberg gewohnt. Davor lange in Eimsbüttel-Nord und im Arbeiterviertel Hammerbrook.
Das geht auch den meisten anderen so, die in dieser Frage solche Position vertreten. Es hängt nämlich zusammen: Wir kennen das Elend. Ich weiß, wie es ist, wenn man jeden Cent zweimal umdrehen muss. Deshalb will ich nicht, dass es anderen so geht. Meine Familie hat eine lange Fluchtgeschichte. Vielleicht hat ein Teil meiner Familie auch eine Verfolgungsgeschichte (ich forsche gerade nach, weshalb es aus der Familie meiner Ururgroßmutter, die Czigan hieß und aus Kiel stammte offenbar keine Angehörigen mehr gibt). Der väterliche Teil meiner Familie, mir nur aus Erzählungen nahegebracht und persönlich völlig unbekannt, dieser niedergegangene großbürgerliche Teil wirkt sozusagen spiegelbildlich auf mich.
 
Viele die hier in Ochsenfurt in der Flüchtlingshilfe aktiv sind, sind es, weil ihre Familien selbst Flüchtlinge waren. Aus Schlesien und Ostpreußen. Menschen, die hier behandelt wurden, wie jetzt oftmals (aber nicht hier) die Flüchtlinge aus Syrien.
Postkarten von Vladi Krafft

Die anderen, die die uns den goldenen Löffel in den Hals schieben wollen, haben ihn in der Tat schon seit Geburt. Die Kinder aus dem Bildungsbürgertum, die ehemaligen Vorstandsassistenten und andere, die nicht um die Armut wissen, die das nur aus Erzählungen kennen. Das gilt natürlich nicht für alle. Weder das eine, noch das andere. Da gibt es auch die unter meinen Mitstreiter*innen, die in der Tat mit Kiesweg, altem Baumbestand und der ruhigen Sicherheit eines reichen Elternhauses aufgewachsen sind. Da gibt es die, die gegen die offenen Grenzen sind und aus armen Familien stammen. Aber die Tendenz in den Gruppen läuft andersherum.

Es hat über Jahrzehnte die Tendenz in der orthodoxen Linken gegeben, sich nationalstaatlich zu verhalten. Wenn man sich aber Marx, ja sogar Lenin, nähert findet man eine Argumentation, die sich an der Internationalität der Arbeiterklasse orientiert. Die Frage ist also wirklich: Sag mir, wo Du stehst. Die beiden folgenden Zitate verdeutlichen die grundlegende, ja möglicherweise antagonistische Diskrepanz zwischen denen, die eher geschlossene Grenzen fordern und dem, was aus der Argumentation von Marx und später von Lenin in voller heutiger Gültigkeit an Forderungen entspringt. Wo stehst Du wird also zur Frage: Stehst Du auf der Seite der Arbeiterklasse, dann müssen die Grenzen offen sein, oder auf der Seite der nationalen Gruppeninteressen, also der Bourgeoisie?

a.) Lenin

Es besteht kein Zweifel, daß nur äußerstes Elend die Menschen veranlaßt, die Heimat zu verlassen, und daß die Kapitalisten die eingewanderten Arbeiter in gewissenlosester Weise ausbeuten. Doch nur Reaktionäre können vor der fortschrittlichen Bedeutung dieser modernen Völkerwanderung die Augen verschließen. Eine Erlösung vom Joch des Kapitals ohne weitere Entwicklung des Kapitalismus, ohne den auf dieser Basis geführten Klassenkampf gibt es nicht und kann es nicht geben. Und gerade in diesen Kampf zieht der Kapitalismus die werktätigen Massen der ganzen Welt hinein, indem er die Muffigkeit und Zurückgebliebenheit des lokalen Lebens durchbricht, die nationalen Schranken und Vorurteile zerstört und Arbeiter aller Länder in den großen Fabriken und Gruben Amerikas, Deutschlands, usw. miteinander vereinigt.
Die Bourgeoisie hetzt die Arbeiter der einen Nation gegen die der anderen auf und sucht sie zu trennen. Die klassenbewußten Arbeiter, die begreifen, daß die Zerstörung aller nationalen Schranken durch den Kapitalismus unumgänglich und fortschrittlich ist, bemühen sich, die Aufklärung und Organisierung ihrer Genossen aus den zurückgebliebenen Ländern zu unterstützen.“ (Lenin, „Kapitalismus und Arbeiterimmigration“, Oktober 1913, LW, Bd. 19, S. 447-450)

b.) Marx

„Zweitens hat die englische Bourgeoisie das irische Elend nicht nur ausgenutzt, um durch die erzwungene Einwanderung der armen Iren die Lage der Arbeiterklasse in England zu verschlechtern, sondern sie hat überdies das Proletariat in zwei feindliche Lager gespalten. Das revolutionäre Feuer des keltischen Arbeiters vereinigt sich nicht mit der soliden, aber langsamen Natur des angelsächsischen Arbeiters. Im Gegenteil, es herrscht in allen großen Industriezentren Englands ein tiefer Antagonismus zwischen dem irischen und englischen Proletarier. Der gewöhnliche englische Arbeiter haßt den irischen als einen Konkurrenten, der die Löhne und den standard of life (Lebensstandard) herabdrückt. Er empfindet ihm gegenüber nationale und religiöse Antipathien. Er betrachtet ihn fast mit denselben Augen, wie die Poor whites (armen Weißen) der Südstaaten Nordamerikas die schwarzen Sklaven betrachteten. Dieser Antagonismus zwischen den Proletariern in England selbst wird von der Bourgeoisie künstlich geschürt und wachgehalten. Sie weiß, daß diese Spaltung das wahre Geheimnis der Erhaltung ihrer Macht ist.“ (Karl Marx, „Resolutionsentwurf des Generalrats über das Verhalten der britischen Regierung in der irischen Amnestiefrage“, Januar 1870, MEW, Bd. 16, S. 388)

(Zitiert nach einer Notiz von Andreas Grünwald auf Facebook)