Unvergesslich: Oskar Maria Graf

Unvergesslich: Oskar Maria Graf

Schrimpf_oskar_maria_grafDas Vergessen ist ein tollwütiges Tier und es lauert im Wald der Zeit. Je größer der Wald wird, desto mehr Beute macht es. Manche beißt es nur, andere werden von ihm gefressen. Bei letzteren ist auch meine Tinte am Ende: Ich kenne sie nicht. Bei den Gebissenen aber kann ich helfen.

Oskar Maria Graf trug Krachlederne in New York. Aber das war später. Als er anfing zu schreiben, hatte es in Bayern noch einen König und niemand dachte an Krieg. Das war 1911. Da war er von Aufkirchen am Starnberger See nach München gekommen, der Volksschüler Oskar Graf, der den Zusatz „Maria“ erst später in seinen Namen schob. Vor den Misshandlungen seines gewalttätigen Bruders war er geflohen. In Aufkirchen hatte er als Bäcker in der Backstube des Bruders gearbeitet. Eindrucksvoll schildert er auch diese Zeit in dem Roman „Das Leben meiner Mutter“.
Während des Ersten Weltkrieges veröffentlichte er zum ersten Mal. In der Zeitschrift „Die Freie Straße“. Die beiden Jahre 1918 und 1919 brachten Oskar Maria Graf Gefängnisaufenthalte ein. Im letzten Kriegsjahr wurde er wegen Teilnahme an einem Munitionsarbeiterstreik inhaftiert, nur kurz allerdings, im Jahr drauf, weil er an den revolutionären Erhebungen um die Räterepublik teilgenommen hatte.
Für sieben Jahre, erfolgreich die meisten, arbeitete er als Dramaturg des Arbeitertheaters „Die neue Bühne“. Er blieb diesem Theater treu, bis ihm 1927 der schriftstellerische Durchbruch mit dem autobiographischen Werk „Wir sind Gefangene“ gelang.
Während der Weimarer Republik war Graf ein erfolgreicher Schriftsteller. Und selbst in den ersten Jahren der Bundesrepublik gelang es ihm, wahrgenommen zu werden.
Das mag an seiner Art zu schreiben liegen: kraftvoll beschreibt er das Leben der Menschen. Da ist alles Realität, aber eine die sich schmatzend und suhlend Raum verschafft. Koketterie, Manierismen sind nicht seine Sache. Form der Form halber kommt nicht vor. Was zu beschreiben ist findet die Form, die es braucht. Man kann, wenn man es kann, die Bücher Oskar Maria Grafs in einem Rutsch durchlesen. Da gibt es kaum Längen und gar keine, die zu vermeiden gewesen wären. Und doch fehlt nichts. Kein Gefühl wird vergessen und kein Umstand. Es ist, als säße Dir einer in München am Biertisch gegenüber und erzählte Dir aus seinem Leben. Und der erzählt dann nicht irgendwas, nein, der erzählt dir Dinge von Wichtigkeit. Und er tut das packend. Ja, der packt Dich, und wenn das Buch dann zu Ende ist, bist Du sauer auf ihn, weil er nicht weitergeschrieben, weitererzählt hat.

In New York packte ihn das Heimweh. Um es zu lindern, um irgendwie doch Bayern um sich zu haben, spazierte er in Krachledernen durch die Stadt. 1938 war er über die Niederlande in die USA geflohen. Deutschland allerdings hatte er zuvor schon verlassen. Im Februar 1933 fuhr er nach Wien auf Vortragsreise. Er kam nicht wieder zurück. Als die Nationalsozialisten Bücher verbrannten und er feststellte: seine waren nicht verbrannt worden, rief er die Nazis in der Wiener Arbeiterzeitung auf, das Versäumte nachzuholen: „Verbrennt mich! Nach meinem ganzen Leben und nach meinem ganzen Schreiben habe ich das Recht, zu verlangen, dass meine Bücher der reinen Flamme des Scheiterhaufens überantwortet werden und nicht in die blutigen Hände und die verdorbenen Hirne der braunen Mordbande gelangen. Verbrennt die Werke des deutschen Geistes! Er selber wird unauslöschlich sein wie eure Schmach!“
Über Brno kam er nach Prag. Dort war er zusammen mit Anna Seghers, Wieland Herzfelde und anderen Redakteur der „Neuen Deutschen Blätter“.
Als ihm 1957 die amerikanische Staatsbürgerschaft angetragen wurde, bestand er, der beinharte Pazifist, darauf, dass die Eidesformel geändert wurde. Man kam seinem Wunsch nach und strich den Teil, der die Bürger auffordert, das Land mit der Waffe in der Hand zu verteidigen.
Graf war in den USA Präsident der „German-American Writers Association“.
Oskar Maria Graf starb 1967 in New York.

Im List-Verlag, der zu Ullstein gehört, erscheinen seit 2004 unter der Regie von Ullrich Dittmann kritisch durchgesehene Nachdrucke. Bereits in achtziger Jahren ist in der Büchergilde Gutenberg eine Werkausgabe erschienen, die ich ausdrücklich empfehlen kann.
Einige Bücher sind auch als Hörbuch erhältlich. Hier ist insbesondere „Das Leben meiner Mutter“ zu empfehlen, das von Gustl Bayrhammer wunderbar gelesen wird.

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