Virus, Verschwörung, Panik, Pandemie

Virus, Verschwörung, Panik, Pandemie

Diese Pandemie ist eine Zäsur. In vielerlei Hinsicht. Nicht nur, dass weltweit die Hälfte der Schüler zu Hause sind, wie die Tagesschau von heute berichtet, nicht nur dass in vielen Ländern milde Formen von Ausgangssperre drohen (und in manchen vielleicht auch politisch genutzte harte), nein, diese Krise ist auch ein Zäsur, die uns ein Stücken Welt zeigt, die wir schon vergessen hatten. In den Kanälen Venedigs ist das Wasser klar, Delphine schwimmen in der Buch, in chinesischen Städten geht die Luftverschmutzung zurück – und das stark. Alles wirkt entschleunigt. Alles wirkt aber auch verängstigt, unsicher, ja, panisch hie und da.
Der Stillstand, der viele Wirtschaftsbereiche trifft – von der Automobilindustrie bis zur Luftfahrt, von der Bahn bis zum Schiffsverkehr – gefährdet die Existenz großer Teile der Weltbevölkerung. Es ist durchaus mit Aufständen zu rechnen. Vielleicht nicht in den wohlhabenden Zentren Europas, vielleicht dort nicht großflächig, wo autoritäre Regime und Diktaturen Erhebungen mit massiver Gewalt unterdrücken können. Aber in den armen, den ärmeren Ländern. In Afrika, wo das Virus schon sein dürfte, aber wo nicht genügend Nachweis geführt werden kann, in Südamerika, wo sich die Gruppe der unfähigen, undemokratischen Regierungschef (angeführt von Bolsonara, Pinera und Maduro) vergrößert hat, in den USA vielleicht, in der die Slums und die Dritte-in-der-Ersten-Welt zugenommen haben.
Alles hängt mit allem zusammen: Der Maschinenbau hier, die Nachfrage nach südamerikanischem Rindfleisch in der EU und der Agrarexport aus ihr, die chinesischen Aktivitäten in Afrika und der Rückgang des Außenhandelsüberschusses der Volksrepublik, die Zinspolitik der EZB und die staatlichen Transfermittel der EU und ihrer Staaten. Deutschland will in die heimische Wirtschaft einen Betrag von vierhundertfünfzig Milliarden bis zu einer halben Billion pumpen. Die USA kündigen massive Transfers in die inländische Ökonomie an. Andere tun ihnen gleich. Das Geld, das im Zweifel frisch gedruckt werden wird, wird nach der Pandemie zu einem Boom ungeahnten Ausmaßes führen, vermute ich. Es gibt aber keine Beispiele in der Geschichte, aus denen heraus man die Wirkmechanismen von Transferzahlungen der Staaten in so kurzer Zeit und in einem so großen Umfang bewerten könnte. Alle Programme der Vergangenheit waren kleiner. Und sie trafen stets auf eine andere Nachfragesituation. Sie lagen oft nach Kriegen, wo es eine materielle Nachfrage auch nach Produkten der Schwerindustrie gab, einen tiefen Nachfragedurchsatz der Wirtschaft also – weil so viel zerstört war und ersetzt werden musste.
Nun gibt es Injektionen in eine funktionierende, aber zum Stillstand gebrachte Wirtschaft um Insolvenzen von Unternehmen oder Personen zu verhindern. Das ist ein ungeübte Situation. Sie ist auch mit der Bankenkrise nicht vergleichbar, weil sie viel umfangreicher ist und andere Empfänger hat. Das Geld geht nicht in einen Teilmarkt, sondern in den Markt insgesamt. Natürlich werden damit auch Einnahmeverluste kompensiert und Gehaltszahlungen möglich gemacht. Es hat also eine Ersatzfunktion für ausbleibende Tauschrelationen, aber damit wird ja nur überbrückt. Es wird also einen zusätzlichen Nachfrageschub geben. Vielleicht nicht sofort, vielleicht erst im Herbst oder Winter, aber er wird kommen, weil das Geld ja in den Kreislauf gegangen ist und irgendwo hin muss. Entweder die EZB erhöht dann die Zinsen, um es abzuschöpfen, oder es wird mit einer, durchaus willkommenen, Inflation zu rechnen sein. Wahrscheinlich wird beides geschehen: Eine leichte geldmarktpolitische Abschöpfung und der Anstieg der Inflation auf ein gesundes Maß an der oberen Grenze dieses Maßes.

Viele glauben, dass die Kompensation der Krise dazu führen wird, dass die Mechanismen eines Bürgergeldes auf Dauer sich positiv abbilden werden, oder doch durchscheinen. Ich glaube, das Gegenteil wird der Fall sein. Die derzeit anvisierte Höchstgrenze von 500 Milliarden würde ja, im Verhältnis zum bedingungslosen Grundeinkommen nur die Häfte der, mit seiner Einführung fälligen, Billion Euro pro Jahr (nur Deutschland) ausmachen. Aus den Folgen wird sich sehr vermutlich nicht ein positives Ergebnis ablesen lassen. Vielmehr wird die Gefahr eines Hyperinflation (die jetzt selbstverständlich nicht zu erwarten sein wird) ausrechnen lassen.

Auch Verschwörungstheorien unterschiedlicher pathologischer Schwere sprießen in den Medien. Es sind die üblichen Verdächtigen. Also jene, die immer damit operieren. Es sind aber auch die, denen eine ganze Welt schon vorher verloren gegangen ist. Die, die (aus der Sicht des Warschauer Pakts vielleicht notwendigen) Propagandalügen schon immer geglaubt haben, aber denen nun der Kreml fehlt, um die Irrtum nicht zur Einfalt werden zu lassen. Jene, die immer noch glauben, im Osten ginge irgendeine Art von Sonne beständig auf und die aus rein nostalgischen Gründen die Gegenwart an der Vergangenheit in dem Maße messen, wie bereits byzantinische Kaiser ihre Herrschaft noch an der des August maßen, als die Türken schon die Mauern schleiften. The times they are a-changing. Und manchmal schnell. In der Pandemie kann man vielerlei erkennen, weil langsam wird, was schnell war, wenig wird, was (zu) viel war.
Und manchmal erkennen wir, dass Verschwörungen nicht nur Theorie sein müssen, sondern ganz real geschehen (sind). Die Privatisierung des Gesundheitswesens, EU-weit, ist eine solche Verschwörung. Es ist die neoliberale Enteignung des Staates zugunsten der Markmechanismen, also des Kapitalismus. Der Mangel, der dadurch erzeugt worden ist, dass die Profitmaximierung und nicht das Gemeinwohl an erster Stelle gestanden hat, all die langen Jahre hindurch, macht sich bemerkbar. Es fehlen Ärzt:innen, Pflegepersonal, Bettenkapazitäten, Medikamente, Hilfsmittel, Fahrzeuge. Die ausgebliebenen Instandhaltungs- und Ersatzinvestitionen machen sich bemerkbar. Deutlicher, schmerzhafter, leichengepflasterter war eine Ohrfeige der Realität an die Wange der egomanischen Wirtschaft nie.

Und wir übersehen Opfer der Pandemie. Die heimischen Obdachlosen, die jetzt kaum mehr ihren Lebensunterhalt zusammenbetteln können (und das müssen sie, weil viele nicht die Kraft haben vor den Tresen staatlicher Drangsalierungsanstalten den Bittsteller zu geben) und die, die als Ärmste der Armen in Afrika, Asien, Südamerika, aber auch in den südosteuropäischen Staaten in Situationen leben, die eine räumliche Distanzierung von anderen nicht möglich macht. Und es sind die gleichen, die durch die schlechten, ja schlimmen, Lebensituationen vorerkrankt sind, mangelnde Abwehrkräfte haben. Wir übersehen die Flüchtlinge in den Lagern Griechenlands, der Türkei, im Libanon und die, die in Afrika noch vertrieben in Lagern leben. Es wird unter ihnen Millionen Tote geben. Und es wird die Gleichgültigkeit der großen Imperien USA, EU, Russland und China sein, die diese Toten mitzuverantworten hat. Auch die unsere.

Wir müssen aus dieser Krise lernen. Wir müssen lernen, aus dieser Welt eine bessere Welt zu machen. Wir müssen aus der Krise einen Willen generieren: Den Willen zu einer guten Welt. Die vielen Toten, die nicht hätten sterben müssen, dürfen nicht nur eine Mahnung sein, sondern eine Handlungsverpflichtung werden.

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