Gerade lese ich, dass ein linker Philosoph und Politologe einen hohen Geburtstag erreicht hat, und ich erinnere mich an viele Werke auch anderer, die ich in meinem nun 68-jährigen Leben gelesen habe, die linke Philosophie und linke Weltsichten vertreten haben und die mir in der Rückschau sehr stark als Trompe-l’œil erscheinen.
Trompe-l’œil ist eine Maltechnik, die Dreidimensionalität und damit Tiefe vortäuscht. Es sieht also so aus, als sei etwas vollständig real und in seiner Dimension tiefgehend, aber es ist nur ein flaches Gemälde.
Und so ist es auch bei vielen linken Publikationen der Jahre seit 1917 gewesen. Die Russische Revolution und die nachfolgende Sowjetunion haben – bis auf ganz wenige Ausnahmen in der Analyse – dazu geführt, dass linke Weltsichten immer einem konkreten taktisch-strategischen Ziel unterworfen wurden, das letztlich Staatsziel der Sowjetunion war. So kann man keine Philosophie entwickeln, so kann man Philosophien zugrunde richten.
Und letztlich ist die Rezeption von Karl Marx, der sich in kaum einer Analyse der wirtschaftlichen Prozesse des Kapitalismus geirrt hat, so in Verruf geraten – ohne seine Schuld –, weil nach 1917 der Leninismus und später der sogenannte Marxismus-Leninismus, eine Erfindung Stalins, ihn vollständig desavouiert haben.
Marx war ein Verfechter des Mehrparteiensystems, ein Demokrat bis in die Grundfesten, ein Radikaldemokrat, wenn man so will, und er hat den Kapitalismus analysiert. Er hat aber keine konkrete neue Gesellschaft entworfen, sondern – abgesehen vom letzten oder vorletzten Satz des Kommunistischen Manifests, in dem es heißt, dass alles darauf hinauslaufen solle, zu einer Welt der freien Assoziation freier Produzenten zu kommen – vor allem die Befreiung des Menschen aus der Knechtschaft zum Ziel gehabt. Er hatte nicht vor, die Sklaverei der Not durch die Not der Sklaverei zu ersetzen.
Nun hat diese Konkretisierung von Weltanschauungen auf politisch-taktische und politisch-strategische Ziele der Sowjetunion und des Warschauer Pakts zu reduzieren, zu einer vollständigen Verflachung der Diskussion bei übermäßig großen Teilen der Linken, ihrer Philosophen und Theoretiker geführt.
Wir müssen im Jahr 2026 vor 1917 ansetzen. Das ist nicht nur uns so gegangen. Wenn man sich die Ideengeschichte ansieht, etwa bei Sokrates, Platon und anderen, wird man feststellen, dass auch sie über Jahrhunderte hinweg Verwerfungen erfahren haben, bis sie dann – in der noch möglichen Reinheit – wiederentdeckt wurden. Auch die Diskussionen um Kant, um Hegel und andere zeigen das.
Wir haben also eine aufwendige Arbeit vor uns, und wir brauchen diese Arbeit, weil wir insgesamt so etwas wie Halteseile, Handläufe brauchen, an denen wir unseren Tritt sichern können. Ob das nun Marx ist oder Popper, Aristippos oder Sokrates, Hegel oder Kant, sei dahingestellt. Das ist gar nicht das Entscheidende.
Das Entscheidende ist, dass wir, wenn wir an dem weiterdenken, was wir in der Tendenz für richtig halten, nicht zu einer Verflachung kommen, nicht nur an der Oberfläche arbeiten und uns eine Tiefe vortäuschen lassen – oder selbst vortäuschen –, die gar nicht da ist, sondern dass wir bei jeder Idee versuchen, bis zum Grund, bis in die tiefsten Tiefen hinabzutauchen.