Blaupause für Blaubart

Blaupause für Blaubart

Gilles de Rais (1405-1440), bekanntester Mitstreiter der jungfräulichen Jean d‘Arc und Held des hundertjährigen Krieges, wurde als Massenmörder und Sadist zu einem Vorbild für die Legende von Blaubart, zu einem Protagonisten in Huysmans Roman „Là-bas“, zu einem Forschungsthema des Neo-Satanisten Aleister Crowley und Sacher-Masochs Schüler Felix Schlichtegroll sowie einer Referenz für Jean Genet, dem enfant terrible der französischen Literatur. Er ist einer der faszinierendsten und gleichzeitig abstossendsten Gestalten der französischen Geschichte.

Nach seinen Erfolgen im Krieg widmete sich der französische Edelmann Gilles de Rais ab 1426 intensiv der Alchemie und der schwarzen Magie. Hierfür opferte er Hunderte von Kindern – meist junge Knaben, die er teilweise einem Baron genannten Dämon opferte. Er verging sich sexuell an seinen Opfern, um sie – in Manier de Sade‘scher Fantasie – beim Erreichen des sexuellen Höhepunkts hinzurichten bzw. hinrichten zu lassen. Gut 14 Jahre lang dauert sein Massenmord an, bevor er unter großer Anteilnahme der Bevölkerung 1440 auf dem Scheiterhaufen in Nantes hingerichtet wird.

Seinen Verbrechen verdankt Gilles de Rais seinen anhaltenden Ruhm“ beginnt auch die Einleitung von Georges Bataille. Diese Verbrechen sind für Bataille aber nicht individuell. „Die Verbrechen Gilles de Rais‘ sind die der Gesellschaft“ (66) postuliert er. Sicherlich spielte für Bataille auch die eigene Faszination am Bösen, die sich in seinen literarischen Studien „La litérature et le mal“ (1957) zeigte, eine Rolle.

Basierend auf Prozessakten, die in französischen Nationalbibliothek in Paris und Nantes lagern, hat im Jahr 1959 der französische Archivar und Soziologe Georges Bataille das Leben und die Prozesse gegen ihn nachgezeichnet und eine akribische Chronographie erstellt. Die Übersetzungen aus dem Lateinischen besorgte für ihn der Schriftsteller und Übersetzer Pierre Klossowki. Es wurde die letzte größere Publikation von Bataille und gleichzeitig eine wichtige Referenz für seinen Neffen, der drei Jahre später eine Biographie von Gilles de Rais publizierte.

Die Studie ist vorrangig für ein historisch interessiertes Publikum von großem Interesse oder für philosophisch geschulte Leser*innen, die sich für die Debatten innerhalb jenes intellektuellen Zirkels um Georges Bataille begeistern.

Maurice Schuhmann

Georges Bataille: Gilles de Rais. Leben und Prozesse eines Kindermörders, Merlin Gifkendorf 2018, ISBN: 978-3875363326, 384 S., Preis: 22 €.