Kein Grund zu beten

Kein Grund zu beten

lilljaeckelamen, amen

„amen, amen“ ist kein Buch im üblichen Sinne. Es fängt nicht an, es hört nicht auf. Es besteht aus Wirklichkeitsfetzen und ist am ehesten jenen Momenten vergleichbar, die man z.B. in einer vollen U-Bahn erleben kann: Man hört den Gesprächen der anderen Fahrgäste zu, wechselt den Fokus, kehrt sich von den engagierten Praktikanten im dem Stockhomsyndrom des Kapitalismus ab und jenen zu, welche die Reinheit germanischer Kulturgüter mit der konzentrierten Dummheit des Nationalisten retten wollen, dann wieder hört man die Gesprächsfetzen ewiger Hausfrauen, immerwährender Hausmeister – dieser höchst nervtötenden Spezies von Besserwissern und Ordnungsliebhabern -, um danach Liebeskummersymphonien zu lauschen.

So ist dieses Buch. Und deshalb ist es auf eine merkwürdige Art immer wahr und gänzlich unendlich. Man kann es irgendwo aufschlagen und beginnen zu lesen. Man kann die längeren Abschnitte im Stück zu sich nehmen, aber man muss nicht. Man kann jederzeit von Absatz zu Absatz, von Segment zu Segment springen. Nichts geht verloren, alles bleibt. Und es bleibt auf einem Sprachniveau, dessen Höhe ich so oft bei neuer Literatur vermisse. Einem jeweils angepassten Bild aus Wörtern, aus der Art der Sätze.

Lilly Jäckl hat mit diesem Buch vielleicht auch einen Weg in eine reformierte Darstellung von Wirklichkeit gewiesen. Dabei bleibt das Buch durchgängig politisch, verliert sich nie in Sinnlosigkeiten und ist, hat man es kreuz und quer gelesen, eines ganz sicher nicht: Postmodern. Denn am Ende bleibt: Alles ist erkennbar. Aber das wussten wir schon. Wir in der U-Bahn.


Amen, amen; Lilly Jäckl, Bibliothek Belletristik, J. Frank Verlag, Berlin, ISBN 978-3-940249-35-7; 24,90 Euro

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