Nietzsche aus linker Sicht

Nietzsche aus linker Sicht

Links-Nietzscheanismus

Jede Generation schafft sich ihren eigenen Nietzsche, lautet eine altbekannte Weisheit in der Nietzscheforschung. Dieses Bonmot liesse sich noch ergänzen, indem man anfügt, dass sich auch jede politische Strömung ihren Nietzsche schafft. Die Rezeption des Philosophen Friedrich Nietzsche ist schier unüberschaubar – und wurde sowohl im rechten Lager von Vordenkern des italienischen Faschismus und dessen deutschen Nationalsozialismus, als auch im linken Lager von Sozialdemokrat*innen, Gewerkschaftler*innen, Feminist*innen und Anarchist*innen rezipiert. Der linke Nietzscheanismus wird in der internationalen Nietzscheforschung stiefmütterlich behandelt. Dies zeigt sich in den nur wenigen vorhandenen Monographien bzw. Beiträgen in den jährlich erscheinen Forschungsjournalen „Nietzsche Studien“ und „Nietzscheforschung“. In den letzten Jahren gab es zwar eine neue Welle der Forschung zum Thema – vorrangig im anarchistischen Kontext (vgl. z.B. Miething: Anarchistische Deutungen der Philosophie Nietzsches – https://kultur-und-politik.de/anarchistische-nietzsche-deutungen/), aber auch im englisch- und französischsprachigen Raum.

Nachdem Paul Stephan bereits seinen 2018 bei der Rosa Luxemburg-Stiftung gehaltenen Vortrag „Was ist Links-Nietzscheanismus?“ als Monographie herausgebracht hat, folgte nun die zwei Bände umfassende Monographie zur Thematik. Im Prolog zum ersten Band heißt es: „Dieses Buch will jedenfalls zeigen, dass es sich in der Vergangenheit durchaus anders verhielt und es eine äußerst vielfältige, spannende und relevante politische Rezeptionsgeschichte Nietzsches gegeben hat: unter Theoretikern und Künstlern, aber durchaus auch unter Aktivisten (auch wenn sie in diesem Buch eher eine Nebenrolle spielen).“ (15) Dabei thematisiert er in der Einführung die Notwendigkeit, den Linksnietzscheanismus unter Einbeziehung des Rechtsnietzscheanismus dazustellen, wobei er „ein geteiltes inhaltliches Interesse“ als verknüpfendes Band im Nietzscheanismus ausmacht.

Er geht dabei von fünf Facetten der Philosophie Nietzsches aus:

Nietzsche als…

– Denker der individuellen Befreiung

– Denker des Leibes und seiner Befreiung

– Psychologe und Sozialtheoretiker

– Kulturphilosoph

– Kritiker der Metaphysik.

Anschliessend widmet sich Paul Stephan der Politik bei Nietzsche, die er pointiert darstellt. Wie in vielen Publikationen zu Nietzsche neigt auch er dazu, den Philosophen direkt zu Wort kommen zu lassen statt ihn zu paraphrasieren. Dies gipfelt gar in einem dreiseitigen Nietzscherezitation.

Dem Umfang und dem eigenen Anspruch geschuldet, eine Einführung zu verfassen, fällt die Darstellung bruchstückhaft und stark selektiert aus.

Im zweiten Band beschäftigt er sich mit den Aneignungen Nietzsches, was vor dem Hintergrund der umfangreichen und Länder übergreifenden Rezeptionsgeschichte einer Sisyphusarbeit gleichkommt. Die Qualität des zweiten Bandes ist sehr durchwachsen. Der erste Part, d.h. die historische Ebene fällt sehr schwach aus. Wichtige Akteure des Linksnietzscheanismus wie z.B. Ret Marut / B. Traven, Theodor Plivier oder auch der französische Philosoph Georges Palante tauchen gar nicht auf, einzelne Autoren werden einen Wikipedia-Artikel oder eine gängige Monographie paraphrasierend dargestellt. Gerade im Bereich der Darstellung der anarchistischen Rezeption, bei der sich Paul Stephan auf die oben erwähnte Schrift von Dominique Miething stützt, weist grosse Mankos auf. Hier hätte es gut getan, die Ergebnisse von Miething kritisch zu hinterfragen und zu gewichten. Auch in Bezug auf die gewerkschaftliche oder die jüdische Nietzscherezeption zeigt sich, dass der Autor nicht alle relevante Literatur zur Kenntnis genommen hat. In vielen Aspekten ist die Forschung längst ein gutes Stück weiter als hier dargestellt. Stärker ist hingegen der zweite Teil des Bandes, wo er sich mit der psychoanalytischen Rezeptionslinie und der der Frankfurter Schule beschäftigt. Ein zusammenfassendes Fazit vermisst man bei der Lektüre. Vielleicht ist dies bei der Vielschichtigkeit auch schwierig.

Es fehlt(e) bisher eine Gesamtdarstellung des Linksnietzscheanismus. Daran gibt es nichts zu rütteln. Das vorliegende Werk ist sicherlich zu unterstützen in der Hinsicht, dass ein solcher Versuch unternommen wird. Auf Grund der vielen blinden Flecken in der Rezeptionsgeschichte ist das zweibändige Werke aber nur partiell geeignet diese Stellung einzunehmen. Vielleicht würde eine überarbeitete und stark erweiterte Fassung dessen dem Anspruch gerecht werden. Der Autor betreibt ja ohnehin einen Blog zum Thema, so dass er darin Ergänzungen vorab veröffentlichen könnte. Mich konnte es nicht überzeugen, was er hier abliefert, weil er in vielen Hinsichten nicht den aktuellen Stand der Forschung referiert und zu viele blinde Flecken hat.

Maurice Schuhmann

Paul Stephan: Links-Nietzscheanismus, Band 1: Nietzsche selbst. Eine Einführung, Schmetterling Verlag Stuttgart 2020, ISBN: 978-3896570895, 142 S., Preis: 12,80 Euro.

Ders.: Links-Nietzscheanismus, Band 2: Aneignungen Nietzsches, Schmetterling Verlag Stuttgart 2020, ISBN: 978-3896570499, 521 S., Preis: 26,80 Euro.

Website des Autors: http://links-nietzscheanismus.de