Eine Shortstory von Erica van Dooren

Übersetzung aus dem Niederländischen Peter H. E. Gogolin

 

Da fliegt er wieder durch meine Brust. Flatter Flatter. In allen Farben des Spektrums. Er ist groß und stark, der Panikvogel, und schlägt gegen die Wände meiner Rüstung. Im Spiegel ist er unsichtbar, der lächelt mir ins Gesicht, also fühle ich mich heute wunderschön. Ich nehme Mascara aus dem Kulturbeutel und blinzele mit den Augen, um mich zu konzentrieren. Dahinter tummeln sich Gedanken, Träume, Erinnerungen. Es ist ein großes Durcheinander, kein Zusammenhang erkennbar. Der Tag hat noch lange nicht begonnen, das ist gut. Selbst im Chaos weht der Wind. Ich fahre mit dem Pinsel über die Haare und färbe sie noch schwärzer, als sie ohnehin schon sind. Ein frischer Look. Du weißt, ich werde schreiben, ich werde dir schreiben. Der Text, der sich durch mein Leben zieht, wie ein roter Faden. Worte, die ich nicht vergessen kann. Wein, den ich getrunken habe. Irgendwo, irgendwann danach werde ich etwas daraus machen, denn mehr Unruhe steht meinem Körper heute nicht. Ich wische den Atemnebel weg, schütte die Wimperntusche zurück, drehe mich um und schließe die Tür.

Mein Auto ist alt, die Tür beschwert sich, wenn ich einsteige. Ich quietsche zurück, lasse nicht zu, dass mich jemand so belehrt. Nicht wirklich! Es stottert zwar etwas, aber wir sind unterwegs! Wohin nochmal? Auch die Panik fährt mit, ich sehe sie im Spiegel. Mein Reiseziel, was war nochmal mein Reiseziel? Eine Hand am Lenkrad, mit der anderen taste ich nach meinem Oberschenkel. Wird es einen blauen Fleck geben? Ach was, das Radio trommelt Musik, der Dafje summt fröhlich mit. Deine Knallerei ist mir egal … Aber ähm, der letzte Knall gehörte nicht zur Musik! Und warum stehe ich plötzlich mitten auf der Schnellstraße still? Ich steige aus und ziehe meine Nylonstrümpfe hoch, doch es ist vergeblich. Ein Gummiband, das gerissen ist, ist gerissen. Ich ziehe meine Stilettos aus und streife die Strümpfe ab. Der Wind weht mir zwischen den Beinen durch. Eine angenehme Überraschung nach der Hitze heute Nacht. Ein Notruftelefon, das Hilfe bietet. Die Pannenhilfe fragt, ob ich Geduld habe? Sie stecken im Stau, die Nässe hat den Verkehr zum Erliegen gebracht. Ich trete gegen den DAF. Ein Schlampen-Schüttler, verblasstes Gelb mit Strapsantrieb. Er war kurz vor dem Zusammenbrechen und zerbrach dann mit mir. Die Fragmente des Abends. Sex und Wut. Ich bin verlassen und zerbrochen und koche auf dem schwarzen Asphalt. Der DAF brodelt nicht mehr. Mein Kopf ist schwer wie ein geparkter Lastwagen. Ich umklammere meinen Schritt und verfluche die Welt. Verfluche, wer du bist. Wer bin Ich. Ich bin betrunken, habe gerade eine Autofahrt gemacht. Dieser DAF ist ein automatischer, mit dem Lenkspiel eines Kaulquappenfisches. Wenn ich nur von der Brücke gefahren wäre.

Ich muss ruhig bleiben, die Pannenhilfe kommt. Aber ich bin nicht ruhig, ich gebe mich verträumten Gedanken hin. Der Sitz lässt sich zurückfahren, das Licht der Straßenlaterne beleuchtet meinen Körper. Mein göttliches Selbst. Ich werde vor deiner Haustür liegen, bipolar, es ist mir egal. Zitternd vor Vergnügen. Mach die verdammte Tür zu. Irgendwann muss man raus. Und dann findet man mich hier, unbekleidet, vielleicht enthauptet. Steig über mich hinweg, wenn du dich traust.

 

DAF: holländische Automarke
Dafje: umgangssprachlich/Koseform für DAF

Zur Autorin: Erica van Dooren ist eine niederländische Schriftstellerin. Ihre Geschichten sind in verschiedenen Literaturzeitschriften in ihrem Heimatland, Belgien und Brasilien erschienen. Sie ist zudem als Rezensentin und Redakteurin für verschiedene Medien tätig. Derzeit arbeitet sie an ihrem Debütroman.