Die Welt ist ein Irrenhaus. Über Brendan Behan.

Die Welt ist ein Irrenhaus. Über Brendan Behan.

 

Als er auf dem Sterbebett lag, eine pinguinische Nonne an seiner Seite, bat er um Whiskey. Aber die gottesfürchtige Frau versagte diese Art von letzter Ölung. „Gott segne sie Schwester. Mögen alle ihre Söhne Bischöfe werden“, soll Brendan Behan ihr zugeraunt haben. Dann gab er das Saufen final auf.
Behan stammte aus der irischen Arbeiterklasse. Sein Vater war Gewerkschaftsaktivist und Anstreicher. Als Brendan geboren wurde, saß der Vater gerade aus politischen Gründen im Knast. Das war 1923, zwei Jahre nach der Freistaatsregelung, die Irland die Unabhängigkeit von Großbritannien sicherte.
Mit dreizehn ging Brendan Behan von der Schule ab, mit sechszehn trat er der Irisch-Republikanischen Armee bei. Er wurde gleich erwischt. Auf dem Weg, Anschläge in England zu begehen, wurde er in Liverpool gefasst und landete im Gefängnis. Die erste Haft dauerte drei Jahre. Mit neunzehn war er wieder draußen. Zwei Jahre später war er wieder drin. Die Justiz des Freistaates verurteilte ihn zu vierzehn Jahren Haft wegen des Mordes an zwei Polizisten. Eine Amnestie verkürzte die Haftdauer. Nach fünf Jahren war er wieder draußen. Behan war nicht der richtige Mann für die militärischen Operationen der IRA. Selbstironisch stellte er fest: „Ich bin kein Krieger. Ich bin eine absolute Null. Die IRA hatte genügend militärischen Sachverstand mich zu nichts anderem als zu Botengängen einzusetzen.“ Eingesessen hatte er im berüchtigten Mountjoy-Gefängnis. Dort begann er zu schreiben. Obwohl es ihm gelang einige Texte in der angesehenen Literaturzeitung „The Bell“ unterzubringen, blieb ihm ein Erfolg in Irland versagt. Bei einer Reise nach Manchester (1947) wurde er erneut inhaftiert und dann durch die britischen Polizeibehörden nach Frankreich abgeschoben. In Paris lernte er Beckett und andere kennen und kam beim Rundfunk unter und schrieb, denn er war noch jung und brauchte das Geld, Pornos. Drei Jahre blieb er an Seine. Dann war er wieder am Liffey. Was dem Wiener der Kaffeehausliterat, ist dem Iren der trinkfeste Fabulierer. Damit konnte Behan reüssieren. Er erlangte als wortgewandter und sangesfreudiger Pub-Poet eine gewisse regionale Berühmtheit. Der Durchbruch indes stand noch aus. Der kam 1955. Behans Stück „The Quare Fellow“ (Der Mann von morgen früh) wurde mit überwältigendem Erfolg in Dubliner Pike-Theater aufgeführt. Es schildert eine Szene aus einem Gefängnis: Die Nacht vor der Hinrichtung eines Mitgefangenen aus der Sicht der Häftlinge. Ein Jahr später wurde das Stück im Royal Theater in Stratford upon Avon aufgeführt und zum internationalen Erfolg. Und dann veröffentliche er „Borstal Boy“.
Das Buch, 1962 erschienen, schon 1963 ins Deutsche und Französische übersetzt, wurde nicht nur zu einem überwältigendem Triumph, sondern auch sehr bald zu einem Klassiker der irischen Literatur. Chronologisch erzählt Behan die Geschichte eines Jungen aus einer Erziehungsanstalt, als wäre es ein Monolog, ein Wortprotokoll. Die Entwicklungsgeschichte des Jungen, der aus der Arbeiterklasse stammt, eine Geschichte, die in Vielem autobiographisch ist, ohne zur Autobiographie im eigentliche Sinne zu werden. Aber die Weltsicht des Sozialisten Behan wird deutlich. In der Wandlung vom Nationalisten zu einem, der erkennt, dass er mit den mitinhaftierten englischen Jugendlichen mehr zu tun hat, als mit der irischen Oberschicht ist ein zentrales Lebensthema Behans.
Das Buch war in Irland verboten. Doch veröffentlichte die Zeitung „The People“ Teile des Romans in Auszügen, auch wurde das Verkaufsverbot nicht eingehalten. Es musste schließlich aufgegeben werden, weil es nicht durchzusetzen war. Auch in Australien war „Borstal Boy“ zeitweise auf dem Index.
Behan ist in der Lage seine Charaktere in den ihnen eigenen Idiomen sprechen zu lassen. Cockney, der Slang Londons, die Slangs Dubliner Jugendliche werden genutzt, ohne klamottig zu wirken. In den Übersetzungen ist das natürlich nicht reproduzierbar. Wer Behan im Original ließt, ist besser dran.
Borstal Boy wurde die Vorlage für ein gleichnamiges Musical, das mit weltweitem Erfolg aufgeführt wurde und in vielen Ländern gespielt.
Die Tragikkomödie „An Giall“ (engl.: The Hostage, deutsch: Die Geisel), das im gleichen Jahr wie Borstal Boy erschien, machte den internationalen Erfolg Behans komplett. Er selbst kam mit dem plötzlichen Ruhm nicht gut klar. Das Geld, welches ihm die Tantiemen einbrachten setzte er in Alkohol um. Der Erfolg war ihm unheimlich. Die sich immer weiter steigernde Alkoholsucht machte es nötig, die nun folgenden Stücke zu diktieren. Sie zu schreiben war ihm nicht mehr möglich. Er sprach sie auf Tonbänder. Darunter auch das Stück „Confessions of an Irish Rebel“, das ebenfalls ein großer internationaler Erfolg wurde.
Brendan Behan hat die neue irische Literatur in einem Maße mitgestaltet, das weit unter Wert gehandelt wird. Der Neo-Realismus, die schonungslose Schilderung der Verhältnisse und der typische, aus der Aussichtslosigkeit und der Einsicht in die menschliche Unzulänglichkeit resultierende Humor haben für die nachfolgende Generation an irischen Romanciers und Dramatikern das Feld bestellt.
Brendan Behan starb im Alter von einundvierzig Jahren 1964 in einem Dubliner Krankenhaus. Ob die Nonne, die ihm den letzten Whiskey verweigerte, späterhin Mutter eines Bischofs wurde, konnte mit Sicherheit nicht ermittelt werden.

Essay zuerst erschienen in UZ.