Wenig neue Erkenntnisse

Wenig neue Erkenntnisse

 „(Über) Punk kann manpunk-in-deutschland nicht rein akademisch schreiben, ohne der Sache zu schaden“ erklärte der Poptheoretiker Martin Büsser einst. Sein Zitat könnte um die Erkenntnis erweitert werden, dass das auch nur wenig neue Erkenntnisse für oder über die Subkultur bietet. Diesen Vorwurf müssen sich wohl auch die Herausgeber partiell gefallen lassen. Viele der Themen und Aspekte sind regelmässiger Gegenstand von historischen Artikeln in einschlägigen Szenepublikationen (Fanzines etc.) – z.B. die Chaostage, APPD, Skinheadkultur und „Punk in der DDR“.

Einleitend präsentieren die beiden Herausgeber Philipp Meinert und Martin Seelinger unter dem Titel „Punk in Deutschland. Sozial- und kulturwissenschaftliche Perspektiven“ eine kurze und prägnante Geschichte des Punkrocks – inkl. einer wissenschaftlichen Einordnung dessen. Neue Erkenntnisse bieten sie nicht – lediglich eine gute Einführung ins Thema. Einzelne Aspekte fehlen mir persönlich darin, aber das sind / wären szeneinterne Diskussionen…. In weiteren Beiträgen geht es u.a. um das Verhältnis von „Punk und Anarchismus“ (Peter Seyferth), „Chaostage und Facebook-Partys“ (Oliver Herbertz) und „’Liebes Stimmvieh, die APPD ist eine ganz normale Partei…’“ (Philipp Meinert). Viele Beiträge wirken dilettantisch und bieten dem Zielpublikum, das von den Herausgebern als ein Publikum, was „sich aus einer sozial- und kulturwissenschaftlichen Perspektive für Punk interessiert“ (8) definiert wird, nichts Neues.

Anhand von Interviews mit den deutschen Oi!-Bands Volxsturm, Loikämie und Stomper 98 arbeiten so z.B. Sebastian Bitterwolf und Moritz Müller die in den Songs und Aussagen der Bands auftauchenden Identifaktionselemente der Skinheadsubkultur heraus. Die Ergebnisse sind allerdings wenig verwunderlich, wenn man sich ein bisschen mit der Subkultur auskennt. Die Idee einen Artikel über die unter wirtschaftswissenschaftlichen Aspekten des DiY-Prinzips zu betrachten, wie es der studierte Ökonom Nejc M. Jakopin tut, spricht zwar für einen gewissen Witz, aber ignoriert auch die dahinter liegenden Beweggründe für dieses Prinzip, die über eine stupide Kapitalismuskritik hinausgehen und ihre primäre Quelle in einem Drang nach Unabhängigkeit haben. Nebenbei bemerkt gilt die Band Ton Steine Scherben in Deutschland als Vorreiter jenes D.i.Y.-Gedankens, d.h. das sich ein solcher Gestus auch in anderen Richtungen vor Punkrock finden lässt. Der Band streift auch andere Stilrichtungen (NDW, Elektropunk) und Kunstformen (Super-8-Filme, Literatur), die Affinitäten zu Punkrock hatten. Damit spannt er einen weiten Bogen – und überspannt ihn dabei gelegentlich. Einige Beiträge wirken leider auch eher wie wissenschaftliche Hausarbeiten für ein Bachelorstudium als wie wissenschaftliche analysen.

Wirklich relevant erscheinen mir lediglich drei Beiträge in jenem Sammelband -“Pogo auf dem Alltag“ (Anne Hahn), ein Beitrag über die DDR-Punkgeschichte, „Punkrezeption in der BRD 1976/1977 und ihre teilweise Auflösung 1979“ (Thomas Hecken), eine Auseinandersetzung mit der ersten medialen Rezeption in Deutschland, und „Alle Macht der Super-8“ (Daniel Kulle), eine Auseinandersetzung mit der Hobby-Filmszene Anfang der 80er Jahre.

Insgesamt bleibt ein zwiespältiger Eindruck nach der Lektüre zurück. Mir ist nicht ganz klar, wer der konkrete Adressat sein soll und warum manch ein Beitrag statt in einem Fanzine, wo er hingehören würde, in Buchform erscheint. Einzelne Beiträge bieten interessante Aspekte; vieles ist aber leider kalter Kaffee und verbleibt in der Affirmation gängiger Thesen und Argumentationen bekannter Jugendforscher (Klaus Farin), Aktivisten (Karl Nagel) oder Poptheoretiker (Martin Büsser). Dabei gäbe es sicherlich noch einzelne Aspekte, die einer Untersuchung harren würden. Vielleicht sollte man nach der Lektüre des Buches nicht den Punk sondern eher die kulturwissenschaftliche Forschung über Punk für tot erklären.

Maurice Schuhmann

Philipp Meinert / Martin Seelinger (Hg.): Punk in Deutschland. Sozial- und kulturwissenschaftliche Perspektiven, transcript Verlag Bielefeld 2013, ISBN: 978-3-8376-2162-4, 29,99 Euro, 312 S..

 

 

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