Altmann. Ein Morgen.

Altmann. Ein Morgen.

(Eckernfördener Texte III) (Erstes unlektoriertes und unkorrigiertes Typoscript)

Licht. Es überwand die Barriere der Lider und fiel in Altmanns kommoden Albtraum ein. Altmann bemerkte sein Erwachen während des Vorganges, sozusagen vorran gehend, aber zurückgewandt. Er schwang sich auf, setzte die Füße auf den kühlen Boden, hielt den Oberkörper sonderbar gerade, just so, als wolle er dem Tag aufrecht gegenübersitzen, hielt aber die Augen noch geschlossen. Verweilte so eine Zeitlang, zweidreivier Minuten vielleicht, vielleicht auch fünf und öffnete erst dann die Augen. Das Zimmer. Der Blick aus dem Fenster, der Blick auf die eigenen Füße, auf die Haare, die aus der Haut der großen Zehen wuchsen, der Blick zur Wand, die ihm fremd war. Da schon war ihm alles zuwider.
In Darmstadt, in der Klinik, da hatte er sich auf eine sonderbare Weise heimisch gefühlt, aufgenommen, angekommen, wie man leichtfertig solche Zustände nennt. Er hatte herumgelegen, die Schwestern hatten ihm Frühstück, Mittag, Kuchen zur Kaffeezeit, Abendessen auch gebracht. Den Gang hinunter, vor dem Schwesternzimmer hatte Wasser gestanden in zwei Kästen, der eine, immer der leerere, mit stillem, der andere, dem nicht so häufig zugesprochen wurde, mit Sprudel. Altmann trank sprudelndes Wasser lieber als stilles. Es schien ihm mehr Biss zu haben. Er hatte an Kursen von zweifelhafter Natur teilgenommen, hatte Gläser mit aufgeklebten Servietten versehen und Serviettennstückchen auf Fotokarton zu Bildern arrangiert, er hatte mit Schatten geboxt und war, sich mit Stöcken abstoßend durch einen kleinen marschiert, er hatte seinen Körper im Wasser bewegt und allerlei anderen Sport betrieben. Ganz so, wie es von ihm gewünscht wurde, um zu einem Behandlungserfolg zu gelangen. Äußerlich bereitwillig erscheinend nahm er an Einzel- und Gruppensitzungen teil, sprach über dies und das, tat es mit gut geschulter Leidenschaft und Eloquenz. Er versagte aus taktischen Gründen sich alle öffentlichen Fragen nach der Bedeutung der Dinge, nach dem Grund seiner Ehe, nach dem Sinn für weitere Menschen gesorgt zu haben, fragte jedoch, nicht zu häufig allerdings, ob man ihm und also sich erklären könne, warum es zu so einem Zusammenbruch gekommen wäre. Er witterte die Fallen in den Gesprächen mit den Psychiatern und Psychologen, absolvierte die standardisierten neurologischen Untersuchungen mit Vitalität und geheucheltem Interesse. Sein einziges wirkliches Interesse aber lag darin, die Klinik bald möglichst zu verlassen und einen langsamen Zermürbungskampf gegen seine Frau zu beginnen, die er dahin bringen wollte, ihn zu verlassen, denn sie zu verlassen, das spürte er, dazu fehlte ihm die Kraft und der Mut. Der Mut mehr noch, wie er sich eingestand. Dann würde es ein Gespräch von Grundsätzlichkeit geben müssen, eines in dem man hart zu bleiben hätte, um die Trennungsoperation erfolgreich durchzuführen. Altmann wusste: Er würde dabei versagen. Nicht versagen würde vermutlich dabei seine Frau Stück für Stück in die Verzweiflung zu treiben, bis sie Reißaus nahm, das Kind an der Hand. Selbstverständlich würde er den Umzug zahlen und zur Not auch die Kaution für eine Wohnung und die ersten Mieten auch. Solange sein Plan nur aufging.
Die Frage freilich, weshalb es Wohnungen brauchte, solche Wohnung, wie sie hierorts üblich waren, weshalb man Kraftfahrzeuge fuhr und in Flugzeugen flog, weshalb man auch bei angenehmen Temperaturen Kleidung trug und weshalb man sich band, Familienclans schuf, Kinder plante, ja regelrecht plante – diese Fragen blieben unbeantwortete. Sie zu stellen, war unmöglich. Man lief Gefahr nicht aus dem Klinikum herauszukommen. Altmann hatte damit gerechnet, nach Hause entlassen zu werden und mit seinem Zermürbungskampf beginnen zu können. Indes – seine Frau hatte ihm, auf Anraten der Ärzte einen Urlaub gebucht. Natürlich für die ganze Familie. Dann aber war, kurz vor Altmanns Entlassung das Kind an Masern oder Mumps oder sonst einer Kinderkrankheit erkrankt. Er, Altmann, aber solle fahren. „Da beißt die Maus keinen Faden ab“, wie seine Frau zu sagen pflegte, wenn etwas wie geplant durchgezogen werden sollte, auch wenn die Lage eine Revision der Entscheidung eigentlich zwingen notwendig machte.
Nun also saß er allein im Hotelzimmer, blickte auf die Ostsee und es war ihm alles zuwider.

0 Kommentare "Altmann. Ein Morgen."

  1. Serijosha Romanesci Medgyesszi   7. Oktober 2014 at 19:59

    „Ganz so, wie es von ihm gewünscht wurde …“ von Ihm und von ihm. Wie genau es das trifft, was mir in Erinnerung geblieben ist .

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