Den Weg wechseln oder untergehen

Den Weg wechseln oder untergehen

Der Kampf gegen die Klimakatastrophe ist ein Kampf, wie es ihn noch niemals in der Menschheitsgeschichte gegeben hat. Er ist ein Kampf in Panik. In jener, die Greta Thunberg meint: Nicht unüberlegte Panik, sondern eine, die nach vorne treibt und alles andere als untergeordnet, nachrangig erkennt.

Der Kampf gegen die Klimakatastrophe ist ein anderer Kampf, als der gegen eine Diktatur, als jener für eine andere Gesellschaftsordnung, gegen einen Aggressor, gegen Rassismus oder Faschismus. Es ist der Kampf. Der Kampf um alles. Es ist, Alles in allem, Armageddon. Dieser Kampf ist der Kampf um das Überleben der menschlichen Spezies. Und die Menschen, jedes für sich, sind zugleich Opfer und Täter. Man kann aus der Täterschaft nicht gültig austreten. Zu sehr ist die Lebensführung, egal ob in Berlin oder Accra, egal ob in einem Dorf in Asien oder einem Village in Irland, mit der Erzeugung der Katastrophe verbunden. Enden können den Untergang nur alle Menschen gemeinsam, als menschliches, globales Kollektiv.

Die übliche Menge von Kohlenstoffdioxid (CO2) lag in den letzten 420.000 Jahren im Durchschnitt zwischen 190 ppm (Höhepunkte der Eiszeiten) und 280 ppm (Warmzeiten). Seit Beginn der industriellen Revolution ist der Wert bis 401 ppm (2015) gestiegen. Durch die dadurch ausgelöste, zunächst schleichende, Erderwärmung droht der Permafrostboden in Sibirien zu tauen, schmelzen die Gletscher ab und das Eis der Polkappen. Dadurch werden neue klimawirksame Gase unterschiedlicher Beschaffenheit freigesetzt, dadurch zerfallen Berghänge, ja ganze Gipfel rutschen in die Täler. Den Niedergang der Natur der Berge kann man in den Alpen allenthalben sehen – wenn man denn sehen will. Die Konsequenzen spürt der Menschen auf allen Kontinenten. Regen- und Sturminfernos bislang ungeahnten Ausmaßes gehen einher mit Trockenheit anderen Orts. Tsunamis und Sturmfluten bedrohen die Küstenstaaten während das Trinkwasser knapper wird, weil die Versalzung an vielen Orten zunimmt.

Einher mit der Klimakatastrophe geht eine ökologische Katastrophe ungeahnten Ausmaßes. Durch die Vernichtung von nunmehr bis zu 80 % der Insekten in Deutschland und vielen europäischen Ländern — in Australien beträgt der Verlust immerhin schon 40% (und das trotz des Outbacks und menschenleeren Weiten) — sind die Landwirtschaft und die Flora insgesamt in höchstem Maße bedroht. Das hat Konsequenzen auf die Population von Vögeln, die ebenfalls stark rückläufig ist. Es handelt sich hierbei nicht um ein übliches Artensterben. Es sind nicht einzelne Arten gefährdet, sondern ganze Reiche (Insekten) und Stämme (Vögel). Und mit ihnen die von ihnen und durch sie lebenden Pflanzen und Tiere. Die steigenden Meeresspiegel, die Abschmelzung der Pole, degressiv verlaufend und kaum ausreichend vorauszusagen, führen zu Veränderungen der großen Meeresströme, z.B. des Golfstroms. Das führt zu einer Veränderung der Meeresfauna, die auf bestimmte Umwelteigenschaften angewiesen ist.

Hinzukommen die schon lang bekannten Probleme: Das Ozonloch und die durch Raubbau verursachte Versteppung, die in Europa z.B. in Spanien nachvollzogen werden kann.

Der Mensch des 21sten Jahrhunderts wird nicht in der Lage sein, mit den Konsequenzen zu leben. Stürme, Regen, steigender Meeresspiegel, die mangelhafte Bestäubung der Pflanzen und die deshalb zurückgehenden Erträge, das knapper werdende Trinkwasser, die Fluchtbewegungen (die unaufhaltbar sein werden), die Migration der Bewohner ländlicher Bereiche in die Städte, die damit einhergehende Wohnungsnot, die jedes bekannte Ausmaß übersteigen wird, die sozialen Überlebenskämpfe, die in den Städten stattfinden werden, der Zusammenbruch der Infrastruktur durch Naturereignisse und die sozialen Prozesse, die Auflösung der staatlichen Ordnungen in vielen industrialisierten Ländern, der dann einsetzende massive Rezessionsprozess mit zusätzlicher Massenverelendung werden alles übersteigen, was wir aus der menschlichen Historie kennen.
Seit Jahrzehnten warnen Naturwissenschaftler und Soziologen vor den Folgen der Raubbaupolitik. Ihre Warnungen sind zuerst ohne jede Resonanz geblieben und fanden dann Widerhall in Lügen, Beschwichtigungen, unernst gemeinten Aktivitäten, fleischlosen Verträgen, politischen Schaumschlägereien. Was geschieht, in den Staaten der Welt, sieht man von denen ab, die aufgrund von  Armut oder mangelnden Größe nicht agieren können, sind massive Verbrechen. Nicht Verbrechen gegen die Menschlichkeit, nein mehr noch: Verbrechen gegen die Spezies Mensch, gegen ihr Fortbestehen. Die Szenarien, die weltweit mit einem Atomkrieg verbunden worden sind, sind die Szenarien, die uns in der . nächsten Zukunft ereilen werden. Sie werden kommen. Durch unveränderbare Profitgier des Kapitalismus‘, durch das systemimmanente Nichtstun der Politiker, die als Apologeten des System-Status-Quo nicht anders können, als nur bis zur Grenze des Systems zu gehen. Deshalb ist es unablässig, dass wir das Wirtschaften in der Welt auf eine andere, nicht profitorientierte Basis stellen. Oder es wird kein Wirtschaften mehr geben, weil es keine Menschen mehr geben wird. Ohne die Systemfrage zu stellen (und sie gegen das herrschende System zu beantworten) wird es keine Lösung geben. In einer auf Profite ausgerichteter Wirtschaftsform, in der die Monopolisierung und damit die Aggression Wesensinhalt ist, kann ein Neuanfang nicht gelingen. Und nur ein Neuanfang gibt der Menschheit die Chance zu überleben.

Ich halte den Point of no Return schon für überschritten. Meiner Meinung nach müssen wir uns auf ein Leben in einer Welt einstellen, die eine heiße, eislose Welt ist, eine Welt mithin, in der der Homo Sapiens keinerlei Lebenserfahrung hat. Flora und Fauna werden sich verändern, die Landmasse verkleinert sich, riesige Fluchtbewegungen kommen. Nur in einer solidarischen Welt ist die, meiner Meinung nach unabwendbare, Katastrophe zu meistern. Wir werden die Ressourcen planen, die Produktion nach Notwendigkeiten gestalten und die Lebensumwelten solidarisch teilen müssen. Es wird Hochhauslandwirtschaft geben: Agrarfabriken in mehrgeschossigen Riesenbauten mit ganzjährigen Ernten, um Hungersnöte zu vermeiden, werden in den riesigen Städten entstehen, in denen die Menschen dann leben werden. Wir werden Proteine künstlich erzeugen müssen, falls uns die zur Nahrung geeigneten Insekten ausgehen, denn die Fleischproduktion wird der Vergangenheit angehören müssen: Sie braucht zu viel Wasser. Und Wasser wird ein sorgsam zu hütendes Gut werden.

Aber wir müssen uns beeilen. Zeit haben wir nicht. Und das gilt für alle Teile dieser Welt, die dann eine Welt ohne Nationalstaaten sein muss. In einer solchen Welt darf es keinen nationalen Egoismus mehr geben, sondern nur noch eine solidarische, altruistische, vereinigte Welt. Oder sie wird ohne Menschen sein.