von Peter H. E. Gogolin

In seinem siebzigsten Jahr gab Jorge Luis Borges »Lob des Schattens«, sein fünftes Buch mit Versen, in Druck. Das Titelgedicht ist das letzte in diesem Band, es spannt den Bogen zwischen Anfang und Schluss, führt den Leser aber auch zugleich auf eine ungeheure Verheißung zu, auf die Schlusszeile nämlich:

Bald werde ich wissen wer ich bin.

Wer kann das von sich sagen? Und wer wagt es, steht doch das Scheitern gleich hinter der nächsten Wegbiegung. Das Scheitern der Selbsterkenntnis allemal. Allenfalls der Tod könnte es sagen, der letzte Cut unseres Lebensfilms, der da sagt, das bist du, genau das, nichts mehr, nichts weniger. Aber der Tod spricht nicht mit uns. Er spricht mit der Welt.

Ich habe, als ich Borges Gedicht erstmals las, dieses ›Lob des Schattens‹ als eine Metapher auf die Blindheit des Autors gelesen, der erleben musste, dass die Welt für ihn, während er erblindete, mehr und mehr im Schatten versankt, bis er sagen musste ›Meine Freunde haben kein Gesicht‹, was sicher auch zutrifft, doch viel zu wenig ist, wie ich heute denke.

Ich schreibe dies nur als eine Art Prolegomena zu dem, was ich, wie immer mäandernd zwischen dem Gestern und dem Heute, eigentlich erzählen will.

Dass ich Borges Gedicht damals so eingleisig zu verstehen meinte, darf zumindest ich selbst mit meiner Jugend entschuldigen, denn ich zählte kaum dreißig Jahre, hatte das Wunder der Poesie bis zu diesem Tag selbst nur gestreift, und vor allem stellte ich Borges’ Gedichte damals bald wieder ins Regal zurück. Erst in diesen Herbstwochen wurde ich auf einem verschlungenen Pfad zu ihnen zurückgeleitet.

Den vergangenen Sommer verbrachten die Liebste und ich auf einer kleinen Insel, die mir an einem späten Abend eine seltsame Begegnung bereitete. Nicht unähnlich dem Gang des Odysseus, um Tiresias, den blinden Seher, aus der Unterwelt zu rufen, der ihm eine glückliche Heimkehr künden sollte, war ich an den ehemaligen Ort gegangen, den ein längst toter Dichter in Verzweiflung für seine Arbeit genutzt hatte. Es war ein Gang ohne wirkliches Ziel, ohne Erwartung, aber doch offen für etwas, von dem ich nicht ahnte, was es sein könne. Und genau dort begegnete mir eine Person, die aber wohl nur ein Schatten war, und spracht zu mir.

Damals beschloss ich, eine Geschichte zu schreiben, und das, was der Schatten mir gesagt hatte, sollte Gegenstand der Geschichte sein.

Es dauerte lange, bis ich im Herbst mit dem Schreiben begann. Etwa zeitgleich wählte ich mir als Morgenlektüre einen Band mit literarischen Reiseessays des Übersetzers und Autors Curt Meyer-Clason, dessen Vorlesungen die Liebste und ich vor vielen Jahren in Stuttgart gehört hatten. Und gleich der zweite Essay in dem Band trägt den Titel »Bürger von Buenos Aires – Jorge Luis Borges«.

Mir gefiel der Ton des Textes nicht, denn der Autor spricht ein wenig über den blinden Borges, mit dem er durch Buenos Aires geht, als beobachte er ein Kind, das nicht weiß, was um ihn herum vorgeht. Und ich las den Text auch tatsächlich nur bis zu der Stelle, an der es heißt: »Seltsamer Borges: ›In Wahrheit sind wir alle Schatten!‹ schreibt er in seinem Essay über Hawthorne, seinen Erzverwandten.« Ich notierte mir die Stelle und schloss das Buch. Vielleicht hatte ja gar nicht mehr in diesem Buch auf mich gewartet.

So ging ich und suchte Borges’ Essay über Nathaniel Hawthorne. Ich besitze mehrere Borges Ausgaben, nahm aber ausgerechnet eine meiner ältesten, nämlich die zweibändig Essay-Ausgabe von 1966, die ich vor etwa zehn Jahren antiquarisch gekauft hatte, wunderbare Bände und voll von klugen Anstreichungen und Randnotizen eines mir unbekannten Vorbesitzers. So etwas ist ganz selten. Normalerweise ertrage ich die Anstreichungen und schon gar die Anmerkungen anderer in Büchern nicht, sie erregen mir körperlichen Widerwillen. Das liegt daran, dass sie fast immer dumm sind. Bei diesen Bänden ist es völlig anders, und meine Freude an diesen Bänden könnte nur noch dadurch gesteigert werden, dass Borges’ selbst sie markiert und glossiert hätte. Nun, ich nahm naturgemäß an, dass der Vorbesitzer, der so ausführlich mit den Büchern gearbeitet hatte, verstorben sein müsse, warum sonst sollten die Bücher ins Antiquariat gewandert sein. Sein ›Ex Libris‹ prangt vorn im Umschlag beider Bände.

Ich fand die Stelle mit dem Schatten-Text, was meine gelinde Abneigung gegen Meyer-Clason verstärkte, denn es stellte sich heraus, dass er allzu lax zitiert hatte. Borges war gar nicht Autor des Satzes, vielmehr stammte er aus den Tagebüchern Hawthornes, die Borges in einer Vorlesung, die er im Colegio Libre de Estdios Superiores gehalten hat, ausführlich zitiert. Da heißt es: »An einem Tag des Jahres 1840 schrieb er: ›Hier bin ich in meinem gewohnten Zimmer, von dem ich den Eindruck habe, als sei ich immer darin gewesen. Hier habe ich viele Erzählungen abgeschlossen, viele, die ich später verbrannt habe, viele, die dieses Flammenschicksal zweifellos verdient haben. Es ist dies ein verhexter Raum, weil Tausende und Abertausende von Visionen seinen Umkreis bevölkert haben, von denen einige unterdessen der Welt sichtbar geworden sind. Manchmal wähnte ich im Grab zu liegen, eiskalt und starr, mit eingeschlafenen Gliedern: zu anderen Malen wähnte ich glücklich zu sein … Heute fange ich an zu begreifen, warum ich so lange Jahre ein Gefangener dieses einsamen Zimmers gewesen bin und warum ich seine unsichtbaren Gitter nicht zerbrechen konnte. Wenn mir der Ausbruch früher geglückt wäre, so wäre ich heute hart und spröd, und mein Herz wäre bedeckt mit Erdenstaub … In Wahrheit sind wir alle nur Schatten …«

Kein blinder Borges redet also von Schatten, der sehende Hawthorne tut es. Und da eröffnet sich ein ganz anderer Horizont. Die jüdische Mystik fiel mir ein, wo es im Sohar, dem heiligen Buch der Kabbala, heißt, die ganze Welt bestehe aus zwei Teilen, wovon der eine sichtbar und der andere unsichtbar sei. Und der sichtbare Teil sei nur Schatten und Widerschein des unsichtbaren.

Die Kabbala mag durchaus die Seele des Judentums sein; so wie die Seele im Körper des Menschen wohne, so wohne die Kabbala im Körper des Judentums, heißt es. Doch ist das Bild der in einen sichtbaren und einen unsichtbaren Teil geteilten Welt reiner platonischer Idealismus, wenn auch eine gewissermaßen verschärfte Fassung. Schließt es doch uns Menschen als Teil der sichtbaren Welt ein, sodass also wir selbst ebenfalls nur Schatten und Widerschein der unsichtbaren Hälfte wären.

Halten wir dies fest, wenn mir uns im nächsten Schritt Platons berühmtes »Höhlengleichnis« etwas näher ansehen, die eigentliche Quelle von der kabbalistischen Aufteilung der Welt. Der Text, der als Höhlengleichnis bekannt ist, findet sich, erstaunlich genug in Platons ›Politeia‹, seinem Dialog vom »Staat«, und es hält eine schwer zu verdauende Diagnose für uns bereit. Sagt es doch, dass wir lediglich Schatten der Realität wahrnehmen, die wir für real halten, obwohl sie kaum mehr als ein ungenauer Widerschein sind. Platon lässt am Anfang des 7. Buches des Staates Sokrates in einem Bild davon erzählen. Wir seien, sagt er, vergleichbar mit den Gefangenen in einer Höhle, die man angekettet und gezwungen habe einzig starr nach vorn zu schauen, wo sie auf der Wand vorbeiziehende Schatten sehen, die sie, da sie keinen Vergleich haben, für die Realität halten müssen. In Wirklichkeit sind es nur Schatten, und nicht einmal von wirklichen Dingen, sondern solche, die von Nachbildungen der wahren Dinge stammen, die hinter ihnen vorbeigetragen werden, beleuchtet von einem Feuer, das ihre Silhouetten auf die Höhlenwand projiziert. Die wahren Dinge befinden sich außerhalb der Höhle, sodass nichts, dass sich vor den Augen der Gefangenen abspielt, tatsächlich aus der Realität stammt.

Nehmen wir das einmal, so schwer es zu akzeptieren sein mag, als unseren tatsächlichen Zustand, dann stellt sich zwar die Frage, was denn die wahre Realität außerhalb der Höhle eigentlich sein mag, aber auf jeden Fall hat dieser Zustand einen eindeutigen Vorteil. Wir sind zwar von der Realität abgeschnitten, alles, was wir erleben, sind nur tanzende Schatten, aber wir selbst sind augenscheinlich real. Wir sind als Erkenntnis-Subjekte real, auch wenn wir niemals die wirkliche Welt zu erkennen vermögen. Wie nahe diese Weltsicht einer paranoischen Geistesverfassung ist oder sie doch zumindest befördert, will ich hier nicht diskutieren. Und auch dann, wenn Sie selbst schon hin und wieder den Eindruck gehabt haben, dass da irgendwas nicht stimmt und vermuten, dass hinter dem, was man Ihnen schon Ihr ganzes Leben hindurch vorgaukelt, was ganz anderes verborgen sein muss, so sollten Sie das nicht tun. Zur Frage, wohin das führt, fällt mir zum Beispiel sofort Georg Büchners Drama »Woyzeck« ein. Woyzeck geht es nämlich ebenfalls so. Er tritt auf den Boden und hat den deutlich Eindruck, dass die ganze Welt darunter hohl sei. Und den Schuldigen für diesen Zustand, den weiß er auch sofort auszumachen. Es sind die Freimaurer, da ist er ganz sicher. Was für ihn daraus folgt, das lesen Sie bitte bei Büchner nach.

Idealistische Interpretationen der Welt eröffnen die Möglichkeit zu Paranoiden Systemen, das sollte uns eine Warnung sein. Aber warum steckt in Platons Höhlengleichnis denn nun ein eindeutiger Vorteil? Oder anders gefragt, warum ist die jüdische Kabbala ein verschärfte idealistische Form der Weltdeutung. Nun einfach deshalb, weil darin auch wir selbst, die wir Teil der sichtbaren Welt sind, nur Schatten sein können, während wir in Platons Höhle zwar von Schatten genarrt und um die Erkenntnis der Wirklichkeit gebracht werden, selbst aber eben keine sind. Wir sind Gefangene unserer Sicht, was schrecklich genug ist, aber selbst Schatten sind wir nicht. Wo kämen wir da auch hin, wenn Schatten Schatten beobachteten?

Lassen Sie uns glücklich sein, dass Platon bzw. Sokrates uns nicht selbst zu Schatten gemacht hat. Eben das tun nämlich sowohl die Kabbala als auch Hawthorne. Und außerdem stellt Sokrates in seinem Gleichnis auch ein Entkommen aus der Höhle in Aussicht. Aber darauf sollten Sie nicht vertrauen, denn er hat nirgendwo gesagt, wie groß diese Höhle überhaupt ist.

Dass Ausgangspunkt dieses langen Schattenflusses mein Besuch auf der »kleinen Insel« war, wo ich eine Begegnung mit einem Schatten hatte, habe ich nicht vergessen. Und ich will davon auch noch weiter erzählen, damit der Kreis sich schließt. Er schloss sich allerdings erst heute, denn erstmals überprüfte ich den Namen des früheren Besitzers meiner beiden so klug angestrichenen Essaybände von Jorge Luis Borges. Das war nicht schwer, denn sein Ex Libris findet sich ja in den Büchern. Es ist ein noch lebender Übersetzer und Autor, der früher in Stuttgart und heute in Leipzig wohnt, zwei Jahre älter als ich selbst. Und als ich dann auf amazon auch einige Bücher von ihm anschaute, da schloss sich der Kreis. Einer seiner Werke, das sogar das Wort ›Totenreich‹ im Titel trägt, hatte eine 5-Sterne Bewertung, in der es hieß: »Bleiben nur zwei Fragen: Möchte man den Autor auf (folgt der Name der Insel), ohne zu wissen, wer er ist, kennenlernen und mit ihm Strandspaziergänge machen oder …«

Ja, wer ist mir da also auf der Insel begegnet? Der Autor? Und angenommen, er war es nicht, dann vielleicht sein Schatten?

 

Foto: Roberto Pera / Public domain