Kein Bildnis machen

Kein Bildnis machen

Die Fotoalben, in denen Du seit Tagen
unsere Erinnerungen ordnest, füllen
die Regalbretter. Zwei Jahrzehnte
hindurch hatten wir diese papierenen
Fenster in unsere Vergangenheit
achtlos in die Anrichte gestopft.

Tausende haben dort im Dunkel
gelegen, ohne uns an verschwundene
Sandburgen, Stunden in längst
geschlossenen Cafés und Menschen
zu gemahnen, deren Namen wir
vergessen haben.

Und dann sind da plötzlich die
grauen Gesichter meiner Eltern
und Großeltern, mein Vater mit
seiner Mutter und den Geschwistern
die ich nur als behäbige Onkel und
Tanten kenne, die ihre Pensionen
auf Fernreisen ausgeben.

Hier schauen sie aus den
neun mal dreizehn Zentimetern
wie eine Horde Flüchtlinge, die nicht
hoffen konnte, den Winter zu überstehen.

Sie starren mich aus ihrer entschwundenen
Gegenwart an, als sei das Dasein eine Art
Trotzreaktion, etwas, das man auf jeden
Fall bestehen wird, wenn man nur
hartnäckig genug ist und nicht aufgibt.

Mist, sagst Du, ich hab’s gewusst
die Fotoecken reichen nicht.
Tja, man macht sich keine Vorstellung
wie viele Fotoecken es braucht
so viel Leben zu sortieren.